Zwei Sprachen, zwei Seelen

Karl der Große soll gesagt haben, wer zwei Sprachen besitzt, der hat auch zwei Seelen. Wie Recht er hat! Es gibt Wörter, die ich durchaus in die andere Sprache übersetzen kann, dort aber nie benutzen würde. Aber es geht noch weiter: Wenn ich in England bin und Englisch spreche, dann denke ich englisch. Ich reagiere anders auf Leute; nach über 20 Jahren beginne ich sogar, den englischen Humor zu verstehen.

Immer, wenn ich mal wieder in Deutschland bin, muss ich mich zunächst umgewöhnen. Ich bin empört, wenn sich Leute nicht ordentlich anstellen bzw. nicht einmal fragen, ob ich in der Schlange stehe. Das tut man so in England, und das tue ich auch. Wenn mich jemand versehentlich anrempelt, dann entschuldige ich mich – vielleicht stand ich ja im Weg. Ich erwarte natürlich gleichzeitig auch eine Entschuldigung, und sobald wir beide Sorry gesagt haben, gehen wir mit einem Lächeln weiter.

Dafür kann ich in Deutschland sicher sein, dass mir die meisten Leute sagen, was sie wirklich denken; in England muss ich zwischen den Zeilen lesen. Wenn mir in Deutschland jemand ein Kompliment macht, freue ich mich und nehme es an. In England nicht. Da sage ich sofort entschuldigend: „Ach, die Schuhe habe ich im Sonderangebot bekommen“, oder: „Das Bild ist mir eigentlich versehentlich gelungen“.

Radfahren, Freibäder und Eisdielen, Berlin, die Wälder, hitzefrei – wenn ich von Deutschland erzähle, komme ich ins Schwärmen. Auf der anderen Seite schwärme ich den deutschen Freunden und meiner Familie von Pub-Lunches vor, von den South Downs, Brighton und natürlich dem Meer, von den rollenden Hügeln, den Baumtunneln, von Cream Teas und Pimms.

In Deutschland genieße ich, wie gut alles organisiert ist, wie zuverlässig, ordentlich, modern. In England liebe ich, wie urig und traditionell es ist. Allein schon der Blick aus dem Flugzeug spricht Bände: in Deutschland sind die Felder fast alle rechteckig, in England hat jedes Feld eine andere Form und mittendrin stehen einzelne, uralte Bäume.

Ich freue mich schon auf meinen nächsten Deutschlandbesuch. Dann denke ich wieder ganz „deutsch“. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich mich wieder nach England sehne, sobald ich länger als eine Woche dort bin.

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2 Gedanken zu „Zwei Sprachen, zwei Seelen

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