Politisch korrekt?

Gar nicht so einfach, sich als AutorIn politisch korrekt auszudrücken, unabhängig vom Genre. Mein erster Blogbeitrag wendet sich an die LeserInnen, womit ich sicherstellen will, dass sich sowohl Männer als auch Frauen angesprochen fühlen. Was aber, wenn ich „man“ benutzen will? Macht man das noch, oder verrate ich damit meine feministische Einstellung? Muss ich jedes Mal man/frau schreiben?

Besonders Märchen und Legenden sind von chronischem Chauvinismus durchzogen: das hilflose Mädchen, der rettende Ritter oder Prinz, körperlich Benachteiligte als Bösewichter. Disney-Filme haben das in letzter Zeit bereits umgedreht: In „Tangled“ ist Rapunzel proaktiv, in „Frozen“ ist es nicht der Kuss des Prinzen, der alles wieder gut macht, sondern die Handlung des Mädchens selbst. Aber wie weit darf die Nacherzählung einer Legende, die als solche in unser Kulturgut eingebettet sein soll, vom Original abweichen? Eine Frau im Mittelalter hatte sicher andere Rechte und Interessen als eine Frau unserer Gesellschaft, aber heutige LeserInnen müssen sich auch mit Charakteren identifizieren können. Eine Gratwanderung!

In der Gudrun-Sage begegnet uns ein Ritter aus Mohrland. Das Wort „Mohr“ wird aber nicht mehr benutzt, denn es lädt zu stereotypischen Assoziationen ein. Wie schreibe ich das also um? Ich habe entschieden, Siegfried tatsächlich aus Mohrland kommen zu lassen, diesen Namen jedoch nur einmal verwendet und stattdessen Alzabee als Herkunftsland genommen, da es ebenfalls in der Originalfassung auftaucht. Gudrun mochte Siegfried, der nicht weiß-europäischer Herkunft war. Wie beschreibe ich ihn dann, als „schwarz“? Ich habe mich für dunkelhäutig entschieden.

In der nächsten Geschichte, die ich neu erzähle, gibt es einen Zwerg. Wie in so vielen Märchen und Legenden ist er zweifelhaften Charakters. Wie gehe ich damit um? Unmöglich, die Idee zu unterstützen, dass man jemandem nicht vertrauen kann, der eine unübliche Körpergröße besitzt. Die ursprüngliche Legende besteht aber darauf. In diesem Fall habe ich mich dazu entschlossen, von „einem extrem kleinwüchsigen Mann, der beim Volk nur als „der Zwerg“ bekannt war“ zu schreiben. Danach wird er nur noch beim Namen genannt.

Nehme ich damit meinen Neuerzählungen die Authentizität? Ich hoffe nicht, denn ich tue es einfach. Ich benutze auch „man“ und sicherlich noch mehr Ausdrücke, die auf gehobene Augenbrauen stoßen mögen. Wenn ich aber zuviel darüber nachdenke, was ich nun schreiben darf und was nicht, dann unterbreche ich meinen Schreibfluss und rede auch nicht mehr so, wie ich wirklich denke. Von gravierenden Schnitzern einmal abgesehen, hoffe ich, dass mir meine LeserInnen das verzeihen können.

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Ein Gedanke zu „Politisch korrekt?

  1. das Wichtigste ist nach meiner Ansicht der persönliche Stil und der ist sehr gelungen bei Claudia Strachan! Und damit ist auch gesagt, dass durchaus schreibtechnisch und gefühlsmäßig alles richtig ist“

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