Katharina die Große und ihr großer Fehler

Maria Theresia nannte sie “Cette femme!” (wahrscheinlich wegen ihrer ständig wechselnden Liebhaber), Voltaire sprach von der “Philosophin auf dem Thron”. Katharina die Große erntet noch heute Respekt für ihre vielen Reformen, doch was sie für eine geniale Idee der Siedlungspolitik hielt, entwickelte sich zu enormen Problemen für die betroffenen Familien. Ein geschichtliches Beispiel für die Folgen, die mangelnde Integration haben kann.

1762 eignete sich Katharina (gebürtlich eigentlich Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst) durch einen Staatsstreich den russischen Zaren-Thron an. Mit Hilfe ihrer bemerkenswerten Klugheit und Neigung zu Philosophie und Aufklärung nahm sie die europäische Annäherung wieder auf, die Peter der Große dereinst begonnen hatte. Auf ihrem Programm standen Religionsfreiheit, Bildungsreform, Justiz- und Verwaltungsreformen sowie die Aufhebung der russischen Leibeigenschaft. Klingt hervorragend, nicht wahr?

Nicht alle ihre Pläne konnte sie wie gewollt umsetzen, da sie auf die Unterstützung des Adels und der Armee angewiesen war, doch auch ihre Kompromisse stellten bereits eine enorme Verbesserung für die russische Bevölkerung dar. Was die Wirtschaft und die in ihren Augen rückständige Kultur anbetraf, hatte sie eine Idee: Mit einem Manifest lud sie Ausländer, insbesondere aus ihrem Heimatland Deutschland, nach Russland ein, um die riesigen, kaum erschlossenen ländlichen Gebiete zu besiedeln. Als Anreiz bot sie ihnen 30 Hektar Land, eine finanzielle Starthilfe, Religionsfreiheit und 30 Jahre Steuerfreiheit an. Sie erlaubte ihnen sogar, ihre eigene Verwaltung zu organisieren, einschließlich Schulen, in denen ihre Heimatsprache gesprochen werden durfte.

Ihre Rechnung ging zunächst auf. Für viele Deutsche, die nach dem siebenjährigen Krieg fast alles verloren hatten, kam die Einladung als Rettung in der Not, besonders in Nordbayern, Baden und Hessen. Bereits in den ersten vier Jahren wanderten rund 30.000 Deutsche nach Russland aus, in der Hoffnung auf ein neues Leben.

Wer die Reise, das Klima und nomadische Überfälle überlebte (etwa 5000 kamen bei dieser ersten Einreisewelle ums Leben), lernte jedoch bald, dass die Vergünstigungen einen großen Nachteil hatten. Wer keinen Anlass sieht, die Landessprache zu sprechen, hat von vornherein keine Chance, jemals von den Ureinwohnern anerkannt zu werden. Wenn dazu noch Vergünstigungen kommen, von denen die Einheimischen nur träumen können, kann man sich leicht vorstellen, wie Neid und Hass auf die Fremden wuchsen, auch wenn die Einwanderer das System treu unterstützten und auch wenn die Privilegien nach dem Krimkrieg erheblich eingeschränkt wurden. Dennoch wuchs die Zahl der Russlanddeutschen weiter an: Im Jahr 1874 gab es bereits über eine Million.

Die Fremdenfeindlichkeit erreichte ihren voraussehbaren Höhepunkt während der beiden Weltkriege, unter dem Vorwurf der vermeintlichen Spionage und Kollaboration. Nach dem Russland-Einmarsch der NS-Armee wurden schätzungsweise 900 000 deutsche Siedler nach Westsibirien und Nordkasachstan deportiert, zu Zwangsarbeit herangezogen oder in Sondersiedlungen gesteckt. Erst 1955 gelang es Konrad Adenauer, erste diplomatische Verhandlungen abzuschließen, die durch Michael Gorbatschow und der Öffnung der Grenzen 1989 schließlich dazu führten, dass die Russlanddeutschen wieder in ihr ehemaliges Heimatland zurückkehren durften, nach Deutschland.

Und hier sind sie jetzt, zurückgekehrt. Über drei Millionen kamen bis 2011, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes. Fühlt es sich an wie ein Nach-Hause-Kommen? Werden Sie hier und heute eher akzeptiert als damals in Russland? Laut focus.de gilt jeder fünfte Russlanddeutsche als „schlecht integriert“, unter anderem durch unzureichende Sprachkenntnisse, und arbeitet „in Jobs, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen“. Sie werden diskriminiert, indem ihnen vorgeworfen wird, „von Russland gesteuert“ zu sein oder im Schulterschluss mit Neonazis zu stehen. Nicht viel anders als ihre Ahnen, denen vorgeworfen wurde, deutsche Spione zu sein. Interessant, sich vorzustellen, was Katharina wohl über das viele Generationen überspannende Schicksal der Russlanddeutschen gedacht hätte, nachdem sie als so liberal, weltoffen und philosophisch beschrieben wurde.

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