Mit 50 zu alt?

August, Regen und das Gefühl, als wollte der Herbst dieses Jahr schon etwas früher kommen. Bislang war das bei mir immer mit einem Phänomen verbunden, das ich mit Tausenden von Lehrer/innen geteilt habe: „This sinking feeling“, das sich gegen Ende der Sommerferien einschleicht, verbunden mit schlechtem Schlaf und einer Art Torschlusspanik: Schnell nochmal die Gartenschere herausholen, das Wohnzimmer anstreichen, den Dachboden ausräumen! Denn bald geht nichts mehr. Dann ist es wieder so weit: Hefte korrigieren bis tief in die Nacht, Stunden vorbereiten, Berichte und Zwischenzeugnisse schreiben, Freunden absagen, das Tempo der Tagesroutine von 50 auf 180 km/h hochschrauben. Stichwort bzw. Antonym: Work-Life-Balance. Diesmal aber nicht für mich – nach 24 Jahren als Lehrerin ist endgültig Schluss damit. Ich bin offenbar nicht die einzige – in England geben 40% aller neuen Lehrer/innen ihre Karriere im Verlauf der ersten fünf Jahre wieder auf. Ich denke, ich kenne die Gründe.

Also, auf zu neuen Ufern! Schön wär’s, wenn dies der Anfang meiner vollzeitigen Schreibkarriere sein könnte, doch so weit ist es leider noch nicht. Der nächste Schritt heißt Übersetzungen, und dafür muss ich zuerst noch einmal auf die Uni, als „Spätstudierende“.

Abgesehen von der Frage des Geldes – immerhin müssen auch bei mir die Rechnungen bezahlt werden – war es gar nicht so einfach, zu dieser Entscheidung zu kommen. Interessant, wie sehr man sich doch an die Sicherheit gewöhnen kann, die ein monatliches Einkommen bedeutet, wenn man fest angestellt ist. Da können noch so viele Berufszweifel aufkommen, am Ende beruhigt man sich ständig selbst und fürchtet sich davor, Risiken einzugehen, besonders, wenn man erstmal über 50 ist. Es sind ja nur noch 15 Jahre bis zur Rente. Nur noch 15 Jahre? Nur noch????

Das war dann auch der entscheidende Faktor für mich. Ist man mit 50 oder 55 zu alt, nochmals ein Risiko einzugehen, den Beruf zu wechseln, von vorne anzufangen? Soll man sich lieber mit Gegebenheiten abfinden, die nicht glücklich machen und sich einreden, dass man jedes Jahr näher an die Rente rückt? Eine englische Warnung heißt „Don’t wish your life away!“ – ist es nicht genau das, was man dann tut?

„Von den Erwerbstätigen in Deutschland hat rund ein Drittel nach eigenem Bekunden im Laufe des Berufslebens mindestens einmal den Beruf gewechselt, acht Prozent darunter mehrmals“, heißt es in einer Studie der BiBB/IAB, allerdings beziehen sich die Zahlen in erster Linie auf ungelernte Berufe. Immerhin, bei qualifizierten bzw. höheren Beamten ist es etwa ein Fünftel. Ca. die Hälfte aller Berufswechsler finden, dass sich ihre Situation „deutlich“ verbessert habe, bei den Selbständigen sind es sogar 63%. Das klingt doch schonmal gut!

Also los – neues Stichwort: #nevertooold

 

 

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