Alles wird gut?

Langsam ändert sich was. In unserem atemlosen Zeitalter der digitalen Revolution macht sich ein Trend bemerkbar, und zwar endlich mal ein positiver. Die überfällige #MeToo-Bewegung, die zunehmende Aufdeckung institutioneller Missbrauchsfälle und die ersten zaghaften Schritte zum sogenannten ‚Abbau des geschlechtsspezifischen Lohngefälles‘; dazu der Liberalismus, der den Populisten solche Kopfschmerzen verursacht … Vielleicht ist es etwas blauäugig, aber in meinen (blauen) Augen sind das gute Zeichen.

Nirgendwo ist das deutlicher zu sehen als in der Literatur und den Künsten, die dafür bekannt sind, die Gesellschaft zu spiegeln. Die Aufhebung der Altersgrenze für den Turner Prize hat dazu geführt, dass 2017 tatsächlich eine 63jährige Frau gewonnen hat, die in ihren Arbeiten rassistische Politik und die Altlasten der Sklaverei reflektiert. Immer mehr preisgekrönte Filme haben Leid und Leben von gesellschaftlichen Minderheiten zum Thema. Biografien und Romane helfen, Brücken zwischen Regionen und Religionen zu bauen, und auch zwischen Menschen unterschiedlicher Überzeugungen.

Mein eigenes Leseverhalten ist von diesen Entwicklungen stark beeinflusst. Nach einigen Jahrzehnten habe ich mich noch einmal in ein Buch vertieft, das mich als Jugendliche begeistert hatte, Der Weite Ritt von Fritz Steuben. Noch immer finde ich das Thema und die Handlung hervorragend: Ein Kreuzritter, der auszieht, um das Land seines Gottes von den „Barbaren“ zu befreien, sieht auf seiner Reise, wer hier eigentlich die Barbaren sind und wer nicht. Er lernt, andere Religionen zu respektieren und schließt Freundschaften mit genau denen, die er einst als Feinde betrachtete. So weit so gut. Nicht so gut dagegen sind gewisse Stolpersteine im Buch, beispielsweise die lapidare Beschreibung von Haremsfrauen, die „zum Beischlaf ausgebildet“ werden, ganz zu schweigen von der Wahl des Vokabulars, wenn es z.B. um Hautfarbe geht. Da haben sich unsere Einstellungen von politischer Korrektheit so entschieden gewandelt, dass ich mich kaum trauen würde, dieses Buch zu übersetzen. Auch in meiner Nacherzählung von Tristan und Isolde musste ich politisch und gesellschaftlich akzeptable Wortschöpfungen für höchstbrisante Originalvokabeln finden.

Desgleichen bei der Neuübersetzung von My Cousin Rachel (Daphne du Maurier): Die Sprache eines Italieners wird im Original mit ostentativer Betonung grammatikalisch falsch wiedergegeben, und die erste Übersetzung von 1972 übertreibt den Akzent sogar erheblich. Die Neuübersetzung dagegen lässt überhaupt keinen Akzent erkennen, lediglich die Kürze der Sätze lässt vermuten, dass dem Sprecher das Deutsch vielleicht nicht so geläufig ist. So kann erst gar kein fremdenfeindlicher Verdacht aufkommen, denn das wäre mit Sicherheit weder im Sinne du Mauriers noch in dem der Übersetzerinnen, war allerdings zum Zeitpunkt der Verfassung des Originals genauso wenig ein Thema wie in den 70er Jahren. Erst jetzt machen wir uns darüber Gedanken, ob ein/e Leser/in daran Anstoß nehmen könnte, dass ein Akzent schriftlich dokumentiert wird.

Meines Erachtens sind das alles Zeichen dafür, dass sich (endlich) etwas bewegt, auch wenn es noch sehr viel zu tun gibt – eine Aufgabe für uns alle. Oder mit den Worten von Hedwig Dohm: „Glaube nicht, es muss so sein, weil es so ist und immer so war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte anemisch steriler Gehirne. Schaffe Möglichkeiten.“

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