Mit 50 zu alt?

August, Regen und das Gefühl, als wollte der Herbst dieses Jahr schon etwas früher kommen. Bislang war das bei mir immer mit einem Phänomen verbunden, das ich mit Tausenden von Lehrer/innen geteilt habe: „This sinking feeling“, das sich gegen Ende der Sommerferien einschleicht, verbunden mit schlechtem Schlaf und einer Art Torschlusspanik: Schnell nochmal die Gartenschere herausholen, das Wohnzimmer anstreichen, den Dachboden ausräumen! Denn bald geht nichts mehr. Dann ist es wieder so weit: Hefte korrigieren bis tief in die Nacht, Stunden vorbereiten, Berichte und Zwischenzeugnisse schreiben, Freunden absagen, das Tempo der Tagesroutine von 50 auf 180 km/h hochschrauben. Stichwort bzw. Antonym: Work-Life-Balance. Diesmal aber nicht für mich – nach 24 Jahren als Lehrerin ist endgültig Schluss damit. Ich bin offenbar nicht die einzige – in England geben 40% aller neuen Lehrer/innen ihre Karriere im Verlauf der ersten fünf Jahre wieder auf. Ich denke, ich kenne die Gründe.

Also, auf zu neuen Ufern! Schön wär’s, wenn dies der Anfang meiner vollzeitigen Schreibkarriere sein könnte, doch so weit ist es leider noch nicht. Der nächste Schritt heißt Übersetzungen, und dafür muss ich zuerst noch einmal auf die Uni, als „Spätstudierende“.

Abgesehen von der Frage des Geldes – immerhin müssen auch bei mir die Rechnungen bezahlt werden – war es gar nicht so einfach, zu dieser Entscheidung zu kommen. Interessant, wie sehr man sich doch an die Sicherheit gewöhnen kann, die ein monatliches Einkommen bedeutet, wenn man fest angestellt ist. Da können noch so viele Berufszweifel aufkommen, am Ende beruhigt man sich ständig selbst und fürchtet sich davor, Risiken einzugehen, besonders, wenn man erstmal über 50 ist. Es sind ja nur noch 15 Jahre bis zur Rente. Nur noch 15 Jahre? Nur noch????

Das war dann auch der entscheidende Faktor für mich. Ist man mit 50 oder 55 zu alt, nochmals ein Risiko einzugehen, den Beruf zu wechseln, von vorne anzufangen? Soll man sich lieber mit Gegebenheiten abfinden, die nicht glücklich machen und sich einreden, dass man jedes Jahr näher an die Rente rückt? Eine englische Warnung heißt „Don’t wish your life away!“ – ist es nicht genau das, was man dann tut?

„Von den Erwerbstätigen in Deutschland hat rund ein Drittel nach eigenem Bekunden im Laufe des Berufslebens mindestens einmal den Beruf gewechselt, acht Prozent darunter mehrmals“, heißt es in einer Studie der BiBB/IAB, allerdings beziehen sich die Zahlen in erster Linie auf ungelernte Berufe. Immerhin, bei qualifizierten bzw. höheren Beamten ist es etwa ein Fünftel. Ca. die Hälfte aller Berufswechsler finden, dass sich ihre Situation „deutlich“ verbessert habe, bei den Selbständigen sind es sogar 63%. Das klingt doch schonmal gut!

Also los – neues Stichwort: #nevertooold

 

 

Katharina die Große und ihr großer Fehler

Maria Theresia nannte sie “Cette femme!” (wahrscheinlich wegen ihrer ständig wechselnden Liebhaber), Voltaire sprach von der “Philosophin auf dem Thron”. Katharina die Große erntet noch heute Respekt für ihre vielen Reformen, doch was sie für eine geniale Idee der Siedlungspolitik hielt, entwickelte sich zu enormen Problemen für die betroffenen Familien. Ein geschichtliches Beispiel für die Folgen, die mangelnde Integration haben kann.

1762 eignete sich Katharina (gebürtlich eigentlich Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst) durch einen Staatsstreich den russischen Zaren-Thron an. Mit Hilfe ihrer bemerkenswerten Klugheit und Neigung zu Philosophie und Aufklärung nahm sie die europäische Annäherung wieder auf, die Peter der Große dereinst begonnen hatte. Auf ihrem Programm standen Religionsfreiheit, Bildungsreform, Justiz- und Verwaltungsreformen sowie die Aufhebung der russischen Leibeigenschaft. Klingt hervorragend, nicht wahr?

Nicht alle ihre Pläne konnte sie wie gewollt umsetzen, da sie auf die Unterstützung des Adels und der Armee angewiesen war, doch auch ihre Kompromisse stellten bereits eine enorme Verbesserung für die russische Bevölkerung dar. Was die Wirtschaft und die in ihren Augen rückständige Kultur anbetraf, hatte sie eine Idee: Mit einem Manifest lud sie Ausländer, insbesondere aus ihrem Heimatland Deutschland, nach Russland ein, um die riesigen, kaum erschlossenen ländlichen Gebiete zu besiedeln. Als Anreiz bot sie ihnen 30 Hektar Land, eine finanzielle Starthilfe, Religionsfreiheit und 30 Jahre Steuerfreiheit an. Sie erlaubte ihnen sogar, ihre eigene Verwaltung zu organisieren, einschließlich Schulen, in denen ihre Heimatsprache gesprochen werden durfte.

Ihre Rechnung ging zunächst auf. Für viele Deutsche, die nach dem siebenjährigen Krieg fast alles verloren hatten, kam die Einladung als Rettung in der Not, besonders in Nordbayern, Baden und Hessen. Bereits in den ersten vier Jahren wanderten rund 30.000 Deutsche nach Russland aus, in der Hoffnung auf ein neues Leben.

Wer die Reise, das Klima und nomadische Überfälle überlebte (etwa 5000 kamen bei dieser ersten Einreisewelle ums Leben), lernte jedoch bald, dass die Vergünstigungen einen großen Nachteil hatten. Wer keinen Anlass sieht, die Landessprache zu sprechen, hat von vornherein keine Chance, jemals von den Ureinwohnern anerkannt zu werden. Wenn dazu noch Vergünstigungen kommen, von denen die Einheimischen nur träumen können, kann man sich leicht vorstellen, wie Neid und Hass auf die Fremden wuchsen, auch wenn die Einwanderer das System treu unterstützten und auch wenn die Privilegien nach dem Krimkrieg erheblich eingeschränkt wurden. Dennoch wuchs die Zahl der Russlanddeutschen weiter an: Im Jahr 1874 gab es bereits über eine Million.

Die Fremdenfeindlichkeit erreichte ihren voraussehbaren Höhepunkt während der beiden Weltkriege, unter dem Vorwurf der vermeintlichen Spionage und Kollaboration. Nach dem Russland-Einmarsch der NS-Armee wurden schätzungsweise 900 000 deutsche Siedler nach Westsibirien und Nordkasachstan deportiert, zu Zwangsarbeit herangezogen oder in Sondersiedlungen gesteckt. Erst 1955 gelang es Konrad Adenauer, erste diplomatische Verhandlungen abzuschließen, die durch Michael Gorbatschow und der Öffnung der Grenzen 1989 schließlich dazu führten, dass die Russlanddeutschen wieder in ihr ehemaliges Heimatland zurückkehren durften, nach Deutschland.

Und hier sind sie jetzt, zurückgekehrt. Über drei Millionen kamen bis 2011, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes. Fühlt es sich an wie ein Nach-Hause-Kommen? Werden Sie hier und heute eher akzeptiert als damals in Russland? Laut focus.de gilt jeder fünfte Russlanddeutsche als „schlecht integriert“, unter anderem durch unzureichende Sprachkenntnisse, und arbeitet „in Jobs, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen“. Sie werden diskriminiert, indem ihnen vorgeworfen wird, „von Russland gesteuert“ zu sein oder im Schulterschluss mit Neonazis zu stehen. Nicht viel anders als ihre Ahnen, denen vorgeworfen wurde, deutsche Spione zu sein. Interessant, sich vorzustellen, was Katharina wohl über das viele Generationen überspannende Schicksal der Russlanddeutschen gedacht hätte, nachdem sie als so liberal, weltoffen und philosophisch beschrieben wurde.

Apathie-Syndrom

Wer will überhaupt noch Nachrichten sehen? Bilder aus Syrien, verzweifelte Flüchtlinge, Bilder von Dürre und Verhungernden, von Naturkatastrophen und Terroranschlägen stürzen auf uns ein; dazu hören wir Berichte, die uns die Haare zu Berge stehen lassen. Trump und Putin, Assad, Erdogan, Marine Le Pen, ….. Was passiert eigentlich in der Welt? Waren die Nachrichten schon immer einfach nur schlimm, oder leben wir momentan auf einer tickenden Zeitbombe?

Vielleicht geht die Zeit der Demokratie tatsächlich ihrem Ende zu und mit ihr die Zeit des Friedens in der westlichen Welt? Wir nehmen es einfach so hin, was wir da sehen, sind entsetzt und hoffen, dass jemand etwas unternimmt, aber offenbar passiert nichts, um diesen Wahnsinn aufzuhalten. Viele scheinen den Glauben an unsere Politik verloren zu haben, gehen gar nicht erst wählen oder wenden sich an die immer zahlreicher werdenden Populisten. Grobe Fehlentscheidungen wie der Brexit sind die Folge, und man will gar nicht mehr zuhören oder zuschauen, was alles passiert.

Man frage mal eine Abiturklasse, wie viele der SchülerInnen überhaupt die Nachrichten sehen. Beängstigend wenige. Ob sie sich nicht über die Welt informieren wollen? Es sei alles zu deprimierend, kommt die Antwort, das tut man sich lieber nicht an.

Die Frage ist, ob man damit nicht schlicht und ergreifend den Falschen das Feld überlässt. Schließlich haben wir das Privileg, in einer relativ sicheren Ecke der Welt zu wohnen, haben ein demokratisches System, das es uns erlaubt zu kritisieren, zu protestieren, zu demonstrieren. Unentschuldbar, es dann nicht zu tun, wenn wir mit der gegenwärtigen Situation unzufrieden sind. Unentschuldbar, den Alltagsstress vorzuschieben oder Geldverdienen wichtiger zu finden.

Wenn wir heutzutage an prekäre geschichtliche Epochen zurückdenken, bewundern wir gern diejenigen, die sich getraut haben, etwas zu tun oder wenigstens den Mund aufzumachen. Stellen uns gern vor, dass wir selbst zu ihnen gehört hätten. Was hält uns also davon ab, in der Gegenwart dasselbe zu tun, unser Alter? Zeitmangel?

Wir können sehr wohl etwas tun, jedenfalls mehr, als kopfschüttelnd im Sofa zu versinken, wenn wir die Nachrichten sehen (falls wir sie uns überhaupt anschauen). Schließlich führen viele Wege nach Rom. Wir können Politiker wählen, die auf unserer Wellenlinie liegen, können demonstrieren und Petitionen unterschreiben, wir können auch Gruppen wie Amnesty finanziell unterstützen oder den Besetzern des Naturschutzgebietes, in dem Probebohrungen für Fracking vorgenommen werden sollen, einfach einen Topf Suppe bringen. Wir können Flüchtlingen helfen und wir können denen, die unsere Demokratie und unsere Menschenrechte in Worten und Taten angreifen, klar unsere Meinung sagen.

Mit den Worten von Claire Goll: Wann werden wir endlich nicht mehr Chor sein, der klagt, sondern einzeln auftreten im Leben? Wie lange wollen wir uns noch zurückdrängen lassen von den eitlen, brutalen Mimen der Gewalt? (aus: Die Stunde der Frauen, 1917)

Berliner Weihnachtsmarkt und Populismus

Wie reagiert man jetzt auf die Berliner Ereignisse? Schock, Entsetzen, Mitgefühl für die Familien, deren Weihnachten wohl für den Rest ihres Lebens ruiniert worden ist, so geht es uns wahrscheinlich allen. Und was dann kommt, ist nicht nur Ärger, sondern grenzenlose Wut auf Menschen, die so etwas fertig bringen, was auch immer sie als ihre Gründe angeben.

Eigentlich wollten wir heute Abend auf den Frankfurter Weihnachtsmarkt gehen. Sollen wir das jetzt noch tun? Ist es nicht zu gefährlich, ist es das wert, dass wir jemanden dabei haben, der noch nie auf einem Weihnachtsmarkt war? Genau dieser Gedankengang ist offenbar Teil der kranken Ideologie, die Terroristen als islamische Ideen verkaufen wollen und die überhaupt nichts mit dem wirklichen, nämlich friedlichen, Islam zu tun hat. Dennoch ist es ideales Futter für die sogenannten „Populisten“.

Wieso können die „Populisten“ überhaupt so viel Grund gewinnen? Wenn man mal alles in einen Topf wirft, sieht man Le Pen in Frankreich, Orbán  in Ungarn, Strache / Hofer in Österreich, Golden Dawn in Griechenland, Kaczynski in Polen, UKIP in Großbritannien, ….. Mit jedem Anschlag islamischer Terroristen gewinnen sie natürlich mehr Grund, können sie ihre fremdenfeindlichen Parolen besser verkaufen, unserer multikulturellen Gesellschaft und unserer Demokratie immer erfolgreicher den Boden entziehen.

Liegt es denn wirklich in erster Linie an der „Flüchtlingskrise“? Wenn Millionen von Menschen mit einer völlig fremden Kultur und Religion ins Land strömen, ist die Unsicherheit und auch die Abwehr beinahe verständlich; auch Gebildete und Weltoffene fühlen sich zeitweise verunsichert, wenn sie im Zug sitzen und den Eindruck haben, die einzigen Deutschsprachigen im Abteil zu sein. Dann aber sollte doch das Bewusstsein darüber eintreten, was für Schicksale hinter diesen Menschen stecken; wir wissen doch, woher sie kommen und ahnen, was sie durchgemacht haben müssen. Was ist also los mit diesem „Populismus“? Kommt die Demokratie langsam aus der Mode??

Bereits in den 20er und 30er Jahren gab es jemanden, der genau dies voraus gesagt hat, ein russischer Wirtschaftswissenschaftler namens Nikolai Kondratieff. Seine Theorie geht von wirtschaftlichen „Wellen“ aus, den sogenannten Kondratieff-Zyklen: etwa alle 50-60 Jahre gebe es eine bahnbrechende neue Erfindung, eine „Basis-Innovation“, die gewaltige wirtschaftliche Veränderungen zur Folge habe (Beispiel Dampfmaschine, Elektrizität). Es ist absolut verständlich, dass solche gewaltigen Innovationen unvorhersehbare gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen (Beispiel Frauenwahlrecht). Und sobald ein solcher Zyklus zu Ende geht, versinkt die Wirtschaft in einer Rezession. Die gute alte Zeit ist vorbei, es geht uns – vergleichsweise – schlecht. In den Zeiten so extremer Wandlungen klammern sich offenbar viele Menschen an autoritäre Führungsfiguren, in denen sie sich einen Halt erhoffen (Beispiel Faschismus).

Im Zeitalter des Handys, der Mikro-Elektronik, der Gen-Biologie muss man nicht lange suchen, um eine neue Basis-Innovation zu finden. Und wie sieht unsere Gesellschaft im Moment aus? Keiner kann mehr selber das Auto reparieren, nicht einmal den Fernseher versteht man, Teenager müssen den Eltern das Handy erklären, Computerkenntnisse sind zum Muss in sämtlichen Arbeits- und Privatbereichen geworden. Darüber hinaus: Minderheitenrechte, Integrationsprobleme, das Alles-in-Frage-stellen der Demokratie …. Verwirrend, nicht wahr? Eine starke Führungsfigur verspricht, die große Hilfe in solchen Zeiten zu stellen, siehe Putin, siehe Erdogan, siehe Trump.

Wir sollten aufpassen. Geschichte lehrt.

The Great Fire of London

Vor 350 Jahren tobte im September ein Großbrand durch London, der die Stadt so gut wie zerstörte. Überall in London gibt es im Moment Veranstaltungen, die an das Desaster erinnern: Thematische Stadtführungen, Theaterstücke, Ausstellungen über das Feuer selbst und den Wiederaufbau der Stadt und sogar ein Kunstprojekt, in dem die historische Stadt nachgebaut und in Brand gesteckt wird, in einem Modell, das (auf einem Schiff auf der Themse installiert) 120 Meter lang ist. Viele Schüler und Schülerinnen und auch Arbeitslose haben bei dem gigantischen Projekt mitgeholfen, und es ist in dem Film „Watch it burn“ von der BBC zu sehen.

Jedes Schulkind in England hat von dem „Great Fire of London“ gehört und weiß, dass es im Jahr 1666 ausbrach. Angefangen hat es in einer Bäckerei in Pudding Lane und sich sehr schnell in ein unaufhaltsames Inferno entwickelt. 13200 Häuser wurden zerstört, 87 Kirchen und auch die monumentale Kathedrale St Paul’s. Der Bürgermeister weigerte sich, die Häuser um den Brand herum zu sprengen, um die Verbreitung zu verhindern – die Idee war, Geld für Kompensationen zu sparen, offenbar der größte Fehler, den er hätte machen können. Erst beim Wiederaufbau der Stadt dachte man daran, zumindest einige der Straßen zu erweitern, Wände aus Stein gesetzlich vorzuschreiben und Dächer mit Ziegeln zu decken. Fünfzehn Jahre später wurde die erste Brandversicherungsanstalt gegründet.

Was für eine Kette von Katastrophen hatte die Stadt durchmachen müssen. Der englische Bürgerkrieg (1642-1651), die Pest (1645) und schließlich das Feuer, das London verwüstete (1666). Kann man sich überhaupt vorstellen, in einer solchen Zeit gelebt zu haben? Was musste es für einen einfachen Bürger bedeutet haben?

Der Politiker Samuel Pepys (ausgesprochen: „Pieps“) hat ausgerechnet in dieser Zeit gelebt und ein Tagebuch geführt, und es gibt uns einen Einblick in das tägliche Leben in der Stadt im 17. Jahrhundert. Wir lesen, wie sich die Menschen gekleidet haben, dass sie Perücken trugen, dass Läuse ein großes Problem waren. Kosmetik wurde benutzt, um eine weiße Gesichtsfarbe zu haben, doch sie war voller Blei und hatte entsprechende gesundheitliche Konsequenzen. Wir lernen, dass sich nur reiche Leute sauberes Wasser leisten konnten, und dass aus diesem Grund zu jeder Tageszeit Bier getrunken wurde. Wer an gutes Essen heran kam, aß Fleisch, Wild und Fisch, kein Gemüse. Öffentliche Veranstaltungen gab es auch, allerdings nicht für Zartbesaitete, da Exekutionen ganz oben auf der Liste standen.

Gegen Krankheiten sollten präventativ Amulette helfen, und wen es in irgendeiner Form dann doch erwischte, der wurde zur Ader gelassen. Operationen wurden durchaus durchgeführt, allerdings nicht unbedingt von qualifizierten Fachleuten und grundsätzlich ohne Desinfektion; die einzige Betäubung, auf die eventuell zurückgegriffen wurde, war Alkohol oder im Glücksfall Opium. Die Syphilis wurde mit Quecksilber bekämpft, was dazu führte, dass die Kranken in der Regel an der Medizin starben, bevor sie der eigentlichen Krankheit erlagen.

Die gute alte Zeit? Hmmm ….

Aus der Geschichte lernen?

Geschichte kennen wir alle als Schulfach. Viele SchülerInnen fragen sich allerdings, warum wir überhaupt historische Schlachten und Namen von Königshäusern auswendig lernen sollten, und vielleicht haben sie Recht. Es geht auch nicht um das Rezitieren eines Datums, sondern vielmehr um das Erkennen von Zusammenhängen und die daraus zu erwartenden Folgen. Bestes aktuelles Beispiel ist die Türkei. Wo hat man das schon mal gesehen, was sich jetzt auf unseren Fernsehbildschirmen bietet?

Rote Fahnen mit einem Symbol darauf, die von allen Fenstern hängen
Massendemonstrationen des Volkes, die alle begeistert ihrem Anführer zujubeln
Massenfestnahmen von Systemgegnern
Presse-Gleichschaltung
Angriffe auf Andersdenkende
Angst, in der Öffentlichkeit die politische Meinung zu äußern

Diese Bilder und Berichte bringen alle Alarmglocken zum Sturmgeläut, und das sollten sie auch. Denn im Geschichtsunterricht haben wir gelernt, was die Konsequenzen solcher Anfänge sind: Diktatur, Verfolgung und sogar Völkermord. Allein schon deshalb wird seit 1945 nicht nur in England der Nationalsozialismus ausführlich in den Schulen durchgenommen, und es kommt auch noch heute allwöchentlich etwas zum Thema im englischen Fernsehen. Als Deutsche im Ausland hatte ich stets ein Problem damit, denn wir haben ja wesentlich mehr Geschichte aufzubieten als die schreckliche sogenannte jüngste Vergangenheit. Auf der anderen Seite liegt der Grund dafür eindeutig darin, dass in diesem Beispiel die Entstehung und der Verlauf einer Diktatur so detailliert dokumentiert werden. Wie sonst könnten wir davor warnen, dass sich ein solcher Horror wiederholt?

Die Lehrpläne in Deutschlands Schulen haben offenbar einen Kompromiss gefunden, der die Wichtigkeit der Geschichte und den Widerstand gegen stures Auswendiglernen auf einen Nenner bringt: das Fach Geschichte wird mit Geografie und Politik gemischt und heißt ‚Gesellschaftswissenschaften“. Das ist eigentlich richtig. Schließlich kommt es immer weniger darauf an, Fakten im Kopf zu haben, sondern eher darauf, zu wissen, wo wir Fakten finden und wie wir sicherstellen, dass sie auch stimmen. Und darauf, dass wir Zusammenhänge erkennen und daraus Folgen abschätzen können.

Die neue Herangehensweise ist offenbar umstritten, besonders bei den Lehrkräften, was ich als Lehrerin verstehen kann. Über Jahre haben sie nicht nur Erfahrungen gesammelt, wie man das Wissen am besten vermittelt, sondern auch eine riesige Bank von Unterrichtsmaterialien zusammengestellt, die nun zum großen Teil nutzlos sind. Allerdings macht die neue Herangehensweise wirklich Sinn: man kann unter dem Stichwort ‚Migration‘ die Ursachen und Auswirkungen der Völkerwanderung, der Römerzeit, der Kreuzfahrten, der Kolonialpolitik vergleichen. Unter dem Stichwort ‚Geschlechterrollen‘ kann man sehen, wie die Rechte von Frauen über Jahrtausende die Gesellschaftsstrukturen verändert haben.

Die Französische Revolution, die Märzrevolution in Deutschland, die Russische Revolution – da gibt es faszinierende Parallelen. Stalin, Mussolini, Hitler, Kim Jong-un – wie haben sie es geschafft, Diktatoren zu werden? Ist es nicht viel wichtiger, Machthunger und fanatische Ideologien zu hinterfragen bzw. erst einmal als solche zu erkennen (!), als genaue Daten auswendig zu lernen? Zu verstehen, wann und wie man manipuliert wird? Demokratie von Autokratie unterscheiden zu können?

Wer das lernt, hat zumindest die Voraussetzung zu einem freien Leben: Menschenrechts-Verletzungen werden früh genug erkannt, um entsprechende Entscheidungen zu treffen. Malala hat es gut ausgedrückt: “One book, one pen, one child, and one teacher can change the world”.

Brexit

Ein historischer oder hysterischer Tag? Der Brexit ist entschieden, die Nachrichten und die sozialen Medien überschlagen sich. Am größten ist der Ärger bei den 16-24jährigen: die 16- und 17jährigen durften nicht mitwählen, angeblich aus Kostengründen, dabei betrifft es ihre Zukunft ganz erheblich. Und bei den 18-24jährigen lag das Wahlergebnis umgekehrt, die klare Mehrheit wollte in der EU bleiben. Oje, die ältere Generation hat für die junge entschieden, und die sind zu Recht böse, denn sie wird es betreffen.

Erstaunlicherweise sieht man selbst in diesem Moment etwas von dem typischen Britischen Humor. Medieval Reactions zeigt einen älteren, überfütterten Mönch, der mit einem verzückten Grinsen ein Glas Wein schlürft, der Untertitel: Wenn Du für den Brexit gestimmt hast, aber Du stirbst sowieso bald, also ist es nicht Dein Problem. Ein Tweet zeigt Thomas, die Lokomotive, wie er im Tunnel steht und eingemauert wird. Ein anderer ein 20-Pence-Stück, das als neues Pfund vorgestellt wird.

Aber auch die Deutschen zeigen Humor: ein Vater-und-Sohn-Comic, wo der Bub mit strahlendem Gesicht ein Papier schwenkt, „Ich habe eine Eins in Englisch“, und die Antwort vom Papa: Brauchste nicht mehr.

Galgenhumor. Denn heute, am zweiten Tag nach der Wahl, sind die Nachrichten voll von negativen Auswirkungen. Bisher hatten beide Seiten etwa gleich viel Medien-Aufmerksamkeit bekommen, im Moment sieht aber alles sehr schwarz aus. Kulturelle Minderheiten wie die Gemeinschaft der Sikhs äußern sich besorgt über Anti-Immigranten-Parolen, Rechtspopulisten in Frankreich und in den Niederlanden reiben sich die Hände, die EU will Groß-Britanniens Austrittsprozedur beschleunigen, die Finanzmärkte sind im tiefsten Tief seit über vierzig Jahren. Die Queen Mary, das größte Kreuzfahrtschiff überhaupt, wird von Southampton abgezogen und soll in Hamburg docken; eine der größten Banken Londons wird nach Frankfurt übersiedeln. Hauspreise sollen schockartig sinken, wird gesagt, die Börse verzweifelt; wer keine Euros für den Urlaub umgetauscht hat, bekommt jetzt nur noch halb so viele wie noch vor zwei Tagen. Calais will, dass das „Dschungel“-Camp nach Groß-Britannien verlegt wird – das genaue Gegenteil dessen, was die Flüchtlings-Xenophoben sich erhofft hatten.

Den Tory-Politikern, die für den Austritt Englands geworben haben, wird jetzt vorgeworfen, dass sie es nur getan haben, weil sie selbst Premierminister werden wollen, denn Cameron hat, wie vorauszusehen war, abgedankt. Donald Trump strahlt über die Entscheidung der Briten, was in sich selbst schon ein Kommentar bedeutet. Schottland hat ein zweites Referendum angekündigt, unter diesen Umständen werden sie sich wahrscheinlich für die Unabhängigkeit entscheiden. Nicht mehr viel „groß“ in Groß-Britannien … Die Kette der negativen Nachrichten wird immer länger, diejenigen, die am lautesten für den Brexit geschrien haben, sind erstaunlich leise geworden. Und das Interessanteste ist, dass eine Petition, die Wahl wiederholen zu lassen, plötzlich schon über eine Millionen Unterschriften gewonnen hat und damit im Parlament diskutiert werden muss, nur einen Tag nach der Verkündigung des Ergebnisses. Pragmatiker geben diesem Umstand nicht viel Gewicht, doch ist es ein Stimmungsbarometer.

Ein kleiner, ganz kleiner Teil in meinem tiefsten Inneren reagiert mit hämischem Schnauben, mit der Schadenfreude, für die es angeblich in anderen Sprachen keine Vokabel gibt. Ich weiß, es hilft weder mir noch den Briten, aber ich kann nicht anders. Dass so viele Briten so uninformiert, so kurzsichtig sein können, hätte ich nicht gedacht, tatsächlich 52%. Es ist eine Erinnerung daran, warum Volksentscheide so selten durchgeführt werden, die Gefahr ist einfach zu groß, dass die Uninformierten schwerwiegende Entscheidungen treffen. Einige rufen dazu auf, nun doch bitte zusammenzuhalten, auch wenn man dagegen gestimmt hatte, um gemeinsam die notwendigen Schritte einzuleiten, die wenigstens eine Art Sicherheit versprechen. Dagegen sträube ich mich. Im Moment will ich einfach nur, dass die Brexit-Befürworter ihre dumme Entscheidung bereuen, und es sieht ganz danach aus, was meinem grimmigen Zorn etwas Genugtuung verschafft, bevor ich mir um meinen Beruf und meinen Verbleib in England Sorgen machen muss.

Generationsfrust

Wie uns doch die Technik über den Kopf gewachsen ist. Wir brauchen sie, kommen ohne Internet, Smartphone, Fernseher gar nicht mehr aus, aber wir wissen beim besten Willen nicht, wie alles funktioniert. Sobald ein Problem auftaucht, reagieren wir mit Verzweiflungsschreien, Flüchen, ausgerechnet jetzt, was mache ich denn nun? Glücklich, wer Informatiker beschäftigt, wenn es auf der Arbeit passiert, aber was ist mit den unseligen Privatmenschen? Vor allem, wenn der Privatmensch nicht mit Computern vertraut ist?

„Passwort nicht anerkannt“, irgendeine nie wahrgenommene „Pin-Nummer eingeben“, „Help-Link“ führt schon wieder zu der Stelle mit dem Passwort, telefonische Leitungen sind völlig überlastet, schließlich zum letzten Resort greifen: Hilfe bezahlen oder sich mit dem plötzlich so notwendig gewordenen Teenager in der Familie wieder vertragen. Und hier fängt der Frust erst richtig an.

Jahrelang, über Jahrzehnte sogar, hat die ältere Generation nun gelernt und gelernt, sich Wissen angeeignet in dem festen – damals noch geltenden! – Glauben, dass es vorteilhaft ist, sich Wissen anzueignen. Wie kann dieses Wissen im Verlauf der letzten dreißig Jahre nur so nutzlos geworden sein? Es gibt kaum noch etwas, das wir nicht „googeln“ können, ob wir Google nun boykottieren oder nicht, worin liegt also heute noch der Sinn des Lernens?

Mittlerweile kommt es nur noch darauf an, dass wir wissen, wie wir an Fakten herankommen, es ist völlig unnötig geworden, die Fakten auswendig zu lernen, jedenfalls in allem Theoretischen. Was für eine Umstellung für jemanden, der sein Leben lang darauf hingearbeitet hat, so viel Wissen wie möglich zu erwerben. Die Schülerinnen und Schüler heute sind sich dessen bewusst; wer sich umstellen muss, sind die Lehrerinnen und Lehrer. Die stehen hier vor einer riesigen Aufgabe und werden meist vom System dabei gehindert, sich dieser rasanten Entwicklung anzupassen.

Das jugendliche Gehirn verkümmert ohne Lernen, sagen die Traditionalisten, und es gibt ganze Bücher, die ihnen dabei Recht geben wollen. Aber das jugendliche Gehirn lernt eben doch, nämlich bei dem rasanten Tempo der technischen Entwicklungen mitzuhalten. Genau deshalb ist es ja so wichtig, dass das Baby bereits mit einem Tablet spielt und die Sechsjährige einen Laptop in der Schultüte findet. Wenn Baby und Sechsjährige ins Berufsleben eintreten, hilft ihnen nur die Vertrautheit mit täglich wechselnden Computersystemen, nicht das Geschichtsdatum einer Schlacht oder das Einmaleins.

Wussten Sie, dass Sie mit einem App Ihre Gitarre per Handy stimmen können? Dass Sie nur „Online Prozentrechner“ in Ihre Suchmaschine tippen müssen, um sofort die Antwort zu finden, die Ihnen mit Dreisatz mindestens zehn Minuten raubt? Kein Wunder, dass sich die junge Generation über die ältere lustig macht, wenn wir darauf beharren, uns auf altmodische Art und Weise zu jeder Problemlösung zu quälen und uns gleichzeitig nicht trauen, auf einen Link im Internet zu klicken.

Die Abhängigkeit, in die wir uns dabei begeben, ist natürlich ein Gegenargument, und auch die Frage, wie wir unsere Problemlösung finden, wenn uns die Technik im Stich lässt. Vielleicht brauchen wir doch beides – die traditionellen Methoden und die neueste Technik?

Internet-Recherche

Rein theoretisch müsste ein/e Schriftsteller/in gar nicht mehr aus dem Haus gehen, um für ein Buch die notwendigen Recherchen anzustellen. Es ist faszinierend, was man alles durch das Internet herausfinden kann. Dabei handelt es sich nicht nur geschichtliche Details, zum Beispiel Kleidung oder Politik, sondern auch um Örtlichkeiten. Gerade darin liegt aber auch eine Gefahr.

Guter Geschichtsunterricht in der Schule sollte uns bereits gelehrt haben, mehr als eine Quelle zu untersuchen und besonders bei Wikipedia vorsichtig zu sein. Das ist sicherlich auch allen klar, die ein Buch schreiben. Allerdings können auch mehrere Quellen in die Irre führen oder wichtige Einzelheiten auslassen.

Ich komme gerade von einem Ausflug an einen Ort zurück, der eine wesentliche Rolle in meinem nächsten Buch spielt. Eigentlich kannte ich die Gegend bereits gut, oder dachte zumindest so, und hatte sie dementsprechend detailliert beschrieben. Zu meiner großen Überraschung stellte sich jedoch heraus, dass mein kleiner Ausflug absolut nötig gewesen war: Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass sich das im Buch beschriebene Dorf auf einer steilen Anhöhe befindet, auf die sich mein Auto tatsächlich im ersten Gang quälen musste. Google Maps hat mir das verschwiegen, und es hätte peinlich werden können, eine so wichtige Einzelheit nicht zu erwähnen.

Deshalb hatte es auch so lange gedauert, bis ich mit meinen Nachforschungen in „Mrs Mahoney’s Secret War“ zufrieden war. Es ist keine Lüge, dass ich neun Jahre dafür gebraucht habe. So nützlich das Internet auch in diesem Projekt war, so lückenhaft stellte es sich dennoch heraus. Ohne die örtliche Bibliothek und die des Imperial War Museums hätte ich nie wissen können, wie genau beispielsweise die Flugblätter aussahen, die die Alliierten über ausgesuchte Orte in Deutschland abgeworfen hatten. Gewisse Zeugenaussagen der Zeit konnte ich ebenfalls nur durch traditionelles Ausleihen bzw. Ankauf von Büchern lesen, und mein Besuch in Bletchley Park hat dazu geführt, dass ich selber auf einer Enigma-Maschine tippen durfte. In keiner Quelle, weder Internet noch Büchern, fand sich die Information, wie es sich anfühlt, die Tastatur der Kodiermaschine zu bedienen.

Traditionalisten werden sich bestätigt fühlen: das Internet kann eben nicht auf alles eine Antwort finden, und gute Autor/inn/en müssen tatsächlich mehr tun, als ihre Details auf dem Sofa zu googeln. Dies ist auch einer der Gründe, warum ich ein Projekt über eine Kreuzfahrer-Prinzessin zunächst auf Eis geschoben habe und mich stattdessen wieder mit einer faszinierenden europäischen Legende befasse. Wir haben ein herrliches Reservoir faszinierender Legenden, und ich freue mich über die Möglichkeit, der nächsten auf die Spur zu kommen.

Aberglaube

Schon der Name sagt es: wir glauben etwas, aber wir wissen, dass es eigentlich Unsinn ist. Trotzdem können wir uns einfach nicht helfen. Warum nur?

Erst kürzlich hat jemand gesagt, dass der Monat Februar offenbar ein Unglücksmonat ist, schließlich ist jetzt schon das dritte Jahr etwas Böses im Februar passiert. Quatsch, kommt sofort die Antwort, dummer Zufall. Aber dann, wenn es wieder Januar wird, will man sich doch vor einem erneuten Schock schützen, sich darauf vorbereiten: oje, bald ist wieder Februar, der Unglücksmonat. Sofort wird alles Negative, das im Februar passiert, dem Datum zugeschrieben.

Freitag der dreizehnte, eine schwarze Katze von links nach rechts (oder war es von rechts nach links?) – aha, deshalb also! Hier ist die gesuchte Erklärung, die uns helfen soll, uns in der Zukunft vor unangenehmen Überraschungen zu schützen. Das ist im Prinzip eine Überlebenskunst, denn wenn ich weiß, wie ich Unglücksfälle vermeiden kann, dann bin ich vor ihnen gefeit. Oder auch nicht, denn der nächste Februar kommt bestimmt, auch der nächste Freitag, der 13., von der Katze ganz zu schweigen. Was also tun?

Gegenmittel! Aus dem Negativen etwas Positives drehen und dann daran glauben, dass wir die Sache nämlich doch im Griff haben. In England gibt es einen Spruch, nachdem die Anzahl von Elstern eine Zukunftsbotschaft sein soll: eine für Sorgen, zwei für Freude, drei für ein Mädchen und vier für einen Jungen; fünf für Silber, sechs für Gold, sieben für ein Geheimnis, das nie weitergegeben werden darf (es reimt sich auch noch auf Englisch). Was macht also der arme Mensch, der eine einsame Elster sieht? Er grüßt sie! Dann wird die Vorhersage der Sorge aufgehoben. Folglich kann man hier des Öfteren beobachten, wie ein Gesprächspartner oder ein vorbeikommender Autofahrer plötzlich die Hand zum Gruß erhebt oder gar einen Guten Morgen wünscht, nur weil eine Elster in der Nähe aufgeflogen ist.

Wenn es mit den Elstern klappt, dann müsste es auch mit anderen Gewohnheiten gelingen, ein Unglückszeichen in ein Glückszeichen zu verwandeln. Manche schwören darauf, gleichzeitig Nase und Fuß anzufassen, wenn sie einen Krankenwagen sehen (zwei Hände sind dabei erlaubt), andere gehen grundsätzlich nicht unter einer Leiter hindurch; neue Schuhe werden eben nicht auf den Tisch gestellt, …. Die Beispiele lassen sich aneinander reihen. Wer religiös ist, bekreuzigt sich, die Christen jedenfalls, und im Mittelalter, der Zeit meiner Legenden, gab es Zeichen gegen „den bösen Blick“.

Also muss man nur wissen, wie man sich schützt, und wenn man dann auch noch einen positiven Aberglauben pflegt (mein St Christophorus im Auto beschützt mich schon seit Jahren!), dann ist man auch erfolgreich: „Kontrollüberzeugung“ nennen das die Psychologen. Irrational, aber es wirkt.