Internet-Recherche

Rein theoretisch müsste ein/e Schriftsteller/in gar nicht mehr aus dem Haus gehen, um für ein Buch die notwendigen Recherchen anzustellen. Es ist faszinierend, was man alles durch das Internet herausfinden kann. Dabei handelt es sich nicht nur geschichtliche Details, zum Beispiel Kleidung oder Politik, sondern auch um Örtlichkeiten. Gerade darin liegt aber auch eine Gefahr.

Guter Geschichtsunterricht in der Schule sollte uns bereits gelehrt haben, mehr als eine Quelle zu untersuchen und besonders bei Wikipedia vorsichtig zu sein. Das ist sicherlich auch allen klar, die ein Buch schreiben. Allerdings können auch mehrere Quellen in die Irre führen oder wichtige Einzelheiten auslassen.

Ich komme gerade von einem Ausflug an einen Ort zurück, der eine wesentliche Rolle in meinem nächsten Buch spielt. Eigentlich kannte ich die Gegend bereits gut, oder dachte zumindest so, und hatte sie dementsprechend detailliert beschrieben. Zu meiner großen Überraschung stellte sich jedoch heraus, dass mein kleiner Ausflug absolut nötig gewesen war: Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass sich das im Buch beschriebene Dorf auf einer steilen Anhöhe befindet, auf die sich mein Auto tatsächlich im ersten Gang quälen musste. Google Maps hat mir das verschwiegen, und es hätte peinlich werden können, eine so wichtige Einzelheit nicht zu erwähnen.

Deshalb hatte es auch so lange gedauert, bis ich mit meinen Nachforschungen in „Mrs Mahoney’s Secret War“ zufrieden war. Es ist keine Lüge, dass ich neun Jahre dafür gebraucht habe. So nützlich das Internet auch in diesem Projekt war, so lückenhaft stellte es sich dennoch heraus. Ohne die örtliche Bibliothek und die des Imperial War Museums hätte ich nie wissen können, wie genau beispielsweise die Flugblätter aussahen, die die Alliierten über ausgesuchte Orte in Deutschland abgeworfen hatten. Gewisse Zeugenaussagen der Zeit konnte ich ebenfalls nur durch traditionelles Ausleihen bzw. Ankauf von Büchern lesen, und mein Besuch in Bletchley Park hat dazu geführt, dass ich selber auf einer Enigma-Maschine tippen durfte. In keiner Quelle, weder Internet noch Büchern, fand sich die Information, wie es sich anfühlt, die Tastatur der Kodiermaschine zu bedienen.

Traditionalisten werden sich bestätigt fühlen: das Internet kann eben nicht auf alles eine Antwort finden, und gute Autor/inn/en müssen tatsächlich mehr tun, als ihre Details auf dem Sofa zu googeln. Dies ist auch einer der Gründe, warum ich ein Projekt über eine Kreuzfahrer-Prinzessin zunächst auf Eis geschoben habe und mich stattdessen wieder mit einer faszinierenden europäischen Legende befasse. Wir haben ein herrliches Reservoir faszinierender Legenden, und ich freue mich über die Möglichkeit, der nächsten auf die Spur zu kommen.

Aberglaube

Schon der Name sagt es: wir glauben etwas, aber wir wissen, dass es eigentlich Unsinn ist. Trotzdem können wir uns einfach nicht helfen. Warum nur?

Erst kürzlich hat jemand gesagt, dass der Monat Februar offenbar ein Unglücksmonat ist, schließlich ist jetzt schon das dritte Jahr etwas Böses im Februar passiert. Quatsch, kommt sofort die Antwort, dummer Zufall. Aber dann, wenn es wieder Januar wird, will man sich doch vor einem erneuten Schock schützen, sich darauf vorbereiten: oje, bald ist wieder Februar, der Unglücksmonat. Sofort wird alles Negative, das im Februar passiert, dem Datum zugeschrieben.

Freitag der dreizehnte, eine schwarze Katze von links nach rechts (oder war es von rechts nach links?) – aha, deshalb also! Hier ist die gesuchte Erklärung, die uns helfen soll, uns in der Zukunft vor unangenehmen Überraschungen zu schützen. Das ist im Prinzip eine Überlebenskunst, denn wenn ich weiß, wie ich Unglücksfälle vermeiden kann, dann bin ich vor ihnen gefeit. Oder auch nicht, denn der nächste Februar kommt bestimmt, auch der nächste Freitag, der 13., von der Katze ganz zu schweigen. Was also tun?

Gegenmittel! Aus dem Negativen etwas Positives drehen und dann daran glauben, dass wir die Sache nämlich doch im Griff haben. In England gibt es einen Spruch, nachdem die Anzahl von Elstern eine Zukunftsbotschaft sein soll: eine für Sorgen, zwei für Freude, drei für ein Mädchen und vier für einen Jungen; fünf für Silber, sechs für Gold, sieben für ein Geheimnis, das nie weitergegeben werden darf (es reimt sich auch noch auf Englisch). Was macht also der arme Mensch, der eine einsame Elster sieht? Er grüßt sie! Dann wird die Vorhersage der Sorge aufgehoben. Folglich kann man hier des Öfteren beobachten, wie ein Gesprächspartner oder ein vorbeikommender Autofahrer plötzlich die Hand zum Gruß erhebt oder gar einen Guten Morgen wünscht, nur weil eine Elster in der Nähe aufgeflogen ist.

Wenn es mit den Elstern klappt, dann müsste es auch mit anderen Gewohnheiten gelingen, ein Unglückszeichen in ein Glückszeichen zu verwandeln. Manche schwören darauf, gleichzeitig Nase und Fuß anzufassen, wenn sie einen Krankenwagen sehen (zwei Hände sind dabei erlaubt), andere gehen grundsätzlich nicht unter einer Leiter hindurch; neue Schuhe werden eben nicht auf den Tisch gestellt, …. Die Beispiele lassen sich aneinander reihen. Wer religiös ist, bekreuzigt sich, die Christen jedenfalls, und im Mittelalter, der Zeit meiner Legenden, gab es Zeichen gegen „den bösen Blick“.

Also muss man nur wissen, wie man sich schützt, und wenn man dann auch noch einen positiven Aberglauben pflegt (mein St Christophorus im Auto beschützt mich schon seit Jahren!), dann ist man auch erfolgreich: „Kontrollüberzeugung“ nennen das die Psychologen. Irrational, aber es wirkt.

Legenden gab es schon vor Wagner!

Wenn man „Nibelungenlied“ hört oder „Tristan und Isolde“, denken viele sofort an Wagner. Stimmt: Wagner, seit seiner Kindheit von Mythologie und Tragödien gefesselt, hat mit seinen gewaltigen Bühnenwerken viele Legenden thematisiert und wieder aufleben lassen. Aber er hat sie nicht erfunden, sondern musikalisch inszeniert. Beweis: Die Legenden stammen aus dem Mittelalter, Wagner nicht.

Also kann man die Legenden ganz unabhängig von Wagner betrachten? Sollte man eigentlich, doch irgendwie kommt man bei den alten Sagen nicht an Wagner-Opern vorbei, sei denn, man studiert Germanistik, Anglistik oder Altfranzösisch. Für alle anderen bedeuten die Legenden oft einfach nur „Bayreuth“, auch wenn sie völlig unabhängig davon entstanden sind.

Hier wird es jetzt spannend: Wagner ist schließlich für seine antisemitische Einstellung bekannt. Prompt schleicht sich eine unangenehme Assoziation ein, über die schon viele Gelehrte gestritten haben, denn das allein ist schon eine Frage wert: Kann man einen Komponisten von seiner politischen oder gesellschaftlichen Einstellung trennen?

Nehmen wir einmal an, Wagner hätte tatsächlich die Legenden erfunden: Mag ich Smetanas Moldau oder Schuberts Unvollendete nicht mehr, wenn ich nachlese, was sie in ihrer Syphilis-Verwirrung alles getan haben? Oder ist Robert Schumanns Alkoholismus ein Grund, seine Träumerei nicht mehr zu mögen? Sollten wir Wagners Musik hassen, weil sein Antisemitismus unverzeihlich war und weil er Hitler inspiriert hat? Thomas Mann war ein „Wagnerianer“, während er Wagners Persönlichkeit verabscheut hat …. Oje. Ein Wespennest.

Zum Glück hat Wagner die Legenden NICHT erfunden. Daher ist es völlig egal, ob ich ihn oder seine Musik mag oder nicht – ich mag die Legenden. Legenden, die im Mittelalter von Spielleuten erzählt wurden, die von Hof zu Hof weitergereist sind. Legenden, die tief eingebettet in unserer Kultur liegen, oft unter demselben Namen in Nachbarländern existieren, im Mittelmeerraum, im Orient. Legenden, die die Literaturwelt noch über Jahrhunderte, bis in die heutige Zeit, inspiriert und fasziniert haben, genau wie mich.

Vive la France, vive la normalité!

Im Moment scheint alles Unpolitische total irrelevant zu sein. Sich mit Geschichte oder gar Romanen zu beschäftigen, während so vieles passiert, was diskutiert und gelöst werden muss, kann glatt als Ignoranz betrachtet werden. Doch es spricht auch vieles dafür, sich weiterhin mit Geschichte, mit Romanen und mit „Irrelevantem“ zu beschäftigen.
Aus der Geschichte können wir bekanntlich viel lernen, daher ist es keinesfalls eine schlechte Idee, sich damit zu befassen. Schließlich haben wir im Westen ebenfalls Religionskriege geführt, in denen unzählige Unschuldige gelitten haben, und das nicht nur im eigenen Land. Natürlich gibt es riesige Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Geschichte zu studieren, heißt, aus Fehlern zu lernen und Gefahren eher zu erkennen und vor allem, andere besser zu verstehen. Allein das rechtfertigt, sich weiterhin mit Geschichte zu befassen.
Und Romane zu lesen, während unsere Welt vor unseren Augen ins Chaos zu versinken droht? Ja, natürlich! Ich persönlich brauche das. Nachdem ich die Nachrichten verfolgt und mich über aktuelle Ereignisse ausgetauscht habe, muss ich mich auf eine andere Ebene bringen. Was hilft da besser, als in eine andere Welt zu versinken, in eine Welt, wo Gut gegen Böse gewinnt, wo das Böse greifbar ist und bekämpft werden kann? „Escapism“ nennen das die Engländer (Wirklichkeitsflucht), und ich stehe dazu. Komplett andere Gedanken, die mich in den Schlaf wiegen, gut für mich!
Und was mir meine Romane sind, das sind anderen Leuten Youtube-Videos mit niedlichen Tieren, Fußballspiele, Rezepte für Schokoladenkekse. Gut so! Lassen wir uns nicht von dem abbringen, was wir normalerweise tun. Unsere Gesellschaft soll weiterhin so vielfältig und frei bleiben, wie sie ist. Wenn wir uns das nicht nehmen lassen, dann haben auch die nicht gewonnen, die uns diese Freiheit für ihre eigenen destruktiven Ziele absprechen wollen. Am Ende wird auch hier Gut gegen Böse siegen.

Schriftsteller als Beruf?

Davon träumen viele, und es gibt romantische Vorstellungen von Schriftstellern, wie sie am Fenster mit wunderschönem Ausblick sitzen, vor sich Papier und Tintenfass (bzw. Laptop), Tasse Tee auf der Seite, sinnend, schreibend. So hätte ich es auch gern. Zu meinen Füßen zwei zufriedene Hunde, die mich aus dem Haus treiben, so dass ich auch mal frische Luft schnappe und mich bewege, ansonsten sitze ich vertieft in mein Werk und hacke in die Tasten.

Realität? Wohl kaum. Die wenigsten AutorInnen können vom Schreiben leben, fast alle haben einen Beruf, um die Rechnungen zu bezahlen; das Schreiben ist Hobby, bis es vielleicht einen Durchbruch gibt, was natürlich zunächst einmal dahingestellt bleibt. Schon unseren großen Klassikern ging es so, nicht viele hatten das Glück, vom Schreiben leben zu können. Die Frauen mussten in erster Linie ihre Männer und den Haushalt versorgen, und die Männer hatten diverse Berufe: Goethe arbeitete als Geheimrat, Theodor Fontane als Apotheker, E.T.A. Hoffmann als Regierungsrat, Musiklehrer, Kammergerichtsrat. Kafka war Versicherungsangestellter, Schiller Militärarzt, Eichendorff beim Militär und in preußischen Regierungsämtern.

In die Gegenwart traue ich mich kaum hinein; es gibt so viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen, dass ich bestimmt ganz wichtige auslasse. Wenn ich das richtig sehe, haben es nur einige Auserwählte geschafft, mit dem Schreiben ihren Unterhalt zu bestreiten.

Auch die Bridget-Jones-Situation der großen Launch-Party gibt es nicht mehr. Stattdessen fängt die Arbeit des hoffnungsvollen Schreiberlings jetzt erst an: Verlage und Agenturen kontaktieren, Lesereisen veranstalten, in Buchläden sitzen und ums eigene Produkt werben, Website erstellen, Fanpage einrichten, alles up-to-date halten, das Finanzamt beruhigen.

Mittlerweile steht meine Heldin mit ringenden Händen am Burgtor, tage- und wochenlang, weil ich nicht weiß, wie ihr Kleid aussieht und ob die Rüstung ihres Ritters in der Sonne glänzt, denn ich muss erst herausfinden, was beide getragen haben. Gründliche Recherchen sind ein Muss, da ansonsten sofort jemand Dilettantismus wittern könnte. Derweil machen sich Haus, Garten, Familie und Freunde bemerkbar und der Beruf schreit am lautesten.

Und dennoch entwickelt sich die Geschichte voran. Plötzlich ist, allen Widersachern zum Trotz, ein neues Buch entstanden, bei mir wie bei vielen, vielen anderen. Vielleicht ein Erfolg, vielleicht auch nicht, aber allein schon deshalb mit Stolz betrachtet, weil es sämtlichen Herausforderungen getrotzt hat.

Politisch korrekt?

Gar nicht so einfach, sich als AutorIn politisch korrekt auszudrücken, unabhängig vom Genre. Mein erster Blogbeitrag wendet sich an die LeserInnen, womit ich sicherstellen will, dass sich sowohl Männer als auch Frauen angesprochen fühlen. Was aber, wenn ich „man“ benutzen will? Macht man das noch, oder verrate ich damit meine feministische Einstellung? Muss ich jedes Mal man/frau schreiben?

Besonders Märchen und Legenden sind von chronischem Chauvinismus durchzogen: das hilflose Mädchen, der rettende Ritter oder Prinz, körperlich Benachteiligte als Bösewichter. Disney-Filme haben das in letzter Zeit bereits umgedreht: In „Tangled“ ist Rapunzel proaktiv, in „Frozen“ ist es nicht der Kuss des Prinzen, der alles wieder gut macht, sondern die Handlung des Mädchens selbst. Aber wie weit darf die Nacherzählung einer Legende, die als solche in unser Kulturgut eingebettet sein soll, vom Original abweichen? Eine Frau im Mittelalter hatte sicher andere Rechte und Interessen als eine Frau unserer Gesellschaft, aber heutige LeserInnen müssen sich auch mit Charakteren identifizieren können. Eine Gratwanderung!

In der Gudrun-Sage begegnet uns ein Ritter aus Mohrland. Das Wort „Mohr“ wird aber nicht mehr benutzt, denn es lädt zu stereotypischen Assoziationen ein. Wie schreibe ich das also um? Ich habe entschieden, Siegfried tatsächlich aus Mohrland kommen zu lassen, diesen Namen jedoch nur einmal verwendet und stattdessen Alzabee als Herkunftsland genommen, da es ebenfalls in der Originalfassung auftaucht. Gudrun mochte Siegfried, der nicht weiß-europäischer Herkunft war. Wie beschreibe ich ihn dann, als „schwarz“? Ich habe mich für dunkelhäutig entschieden.

In der nächsten Geschichte, die ich neu erzähle, gibt es einen Zwerg. Wie in so vielen Märchen und Legenden ist er zweifelhaften Charakters. Wie gehe ich damit um? Unmöglich, die Idee zu unterstützen, dass man jemandem nicht vertrauen kann, der eine unübliche Körpergröße besitzt. Die ursprüngliche Legende besteht aber darauf. In diesem Fall habe ich mich dazu entschlossen, von „einem extrem kleinwüchsigen Mann, der beim Volk nur als „der Zwerg“ bekannt war“ zu schreiben. Danach wird er nur noch beim Namen genannt.

Nehme ich damit meinen Neuerzählungen die Authentizität? Ich hoffe nicht, denn ich tue es einfach. Ich benutze auch „man“ und sicherlich noch mehr Ausdrücke, die auf gehobene Augenbrauen stoßen mögen. Wenn ich aber zuviel darüber nachdenke, was ich nun schreiben darf und was nicht, dann unterbreche ich meinen Schreibfluss und rede auch nicht mehr so, wie ich wirklich denke. Von gravierenden Schnitzern einmal abgesehen, hoffe ich, dass mir meine LeserInnen das verzeihen können.

Proud to be ….

Ausnahmsweise mal etwas Politisches: Nationalstolz ist etwas, was ich nicht nachvollziehen kann. Stolz sein darf man, wenn man etwas geleistet hat. Wer das Glück hat, in einem Land geboren zu sein, das wohlhabend und sozial ist, relative Sicherheit bietet und die Menschenrechte beachtet, der sollte sich freuen und hat keinen Grund, deshalb „stolz“ zu sein, finde ich. Viele Engländer sehen das anders, was u.a. mit dem zweiten Weltkrieg zu tun hat und mit (m.E. fragwürdigem) historischem Imperialismus.

Im Ausland Deutsch zu sein, ist so eine Sache. Ein Mitglied des Kreisauer Kreises hat damals gesagt, dass Deutschland noch nach 50 Jahren nicht den Kopf heben kann, wenn es nicht gelingt, die Diktatur von innen zu beenden, vielleicht sogar nie wieder. Leider, leider stimmt das: sie haben es nicht geschafft, die Diktatur von innen zu beenden, wieviele es auch heroisch versucht haben. Die Folgen? Dass ich 70 Jahre nach Kriegsende noch immer zögere, wenn mich jemand nach meiner Nationalität fragt, denn die Antwort ist „Deutsch“. Besonders in England kommt dann sofort die Assoziation mit unserer „jüngsten Vergangenheit“ hoch, ja, tatsächlich, immer noch. Auch wenn die meisten von der guten deutschen Wertarbeit überzeugt sind (Autos, Geräte, etc.), kann niemand vergessen, was unter den Nazis passiert ist, und das sollte man natürlich auch nicht vergessen. Das heißt aber: im Pub lieber nicht zu laut Deutsch sprechen – ich weiß ja nicht, welche persönlichen Tragödien sich in der Familiengeschichte meines Gegenübers verbergen.

Doch plötzlich, nach 22 Jahren, die ich in England lebe, regt sich etwas anderes. Man hört und liest Berichte und sieht Bilder im Fernsehen, in denen erschöpfte Flüchtlinge aus Syrien in Deutschland willkommen geheißen werden. Während in England noch immer gegen die Angst, von einer Immigrationswelle überrollt zu werden, gekämpft werden muss, stehen die Deutschen Schlange, um diesen verzweifelten unschuldigen Menschen zu helfen. Auf einmal setzen Deutsche ein internationales Beispiel der Menschlichkeit, der Hilfsbereitschaft, der humanitären Kameradschaft.

Danke! Danke allen, die Kleidung, Essen, Wohnraum und persönliche Zuwendung geben. Nicht nur im Namen der Flüchtlinge selbst, sondern auch im Namen der Expats, die irgendwo im Ausland (zum ersten Mal?) auf die Frage, woher sie kommen, ohne lange zu zögern antworten können: aus Deutschland.

5. Sprichwörtlich

Sprichwörter zu übersetzen ist eine echte Herausforderung. Einige gibt es in mehreren Sprachen, doch die meisten sind ganz individuell. In Deutschland weiß jede/r, was es heißt, wenn ich sage „Das liegt auf der Hand“. Unmöglich, „That lies on the hand“ zu sagen. „That’s where the dog lies buried“ funktioniert auch nicht; das geht auch nur auf Deutsch.

Die Engländer haben ein paar herrliche Sprichwörter und benutzen wesentlich mehr als wir. Wahrscheinlich sind ein paar schon in den deutschen Sprachgebrauch eingewandert, wie „You snooze – you lose“, wenn Du nichts verpassen willst, dann bleib wach und dabei.

Mein Lieblingsspruch ist „Let’s cross the bridge when we come to it” – Mach Dir keine Sorgen, bevor die Situation überhaupt da ist. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm.

Was ich auch mag, ist „No use crying over spilt milk“ – was passiert ist, ist passiert. Oder mit den Worten von Johann Strauss: „Glücklich ist, wer vergisst …“

Interessant wird es, wenn es nicht mehr so offensichtlich ist: „Don’t put all your eggs in one basket“ – Immer besser, einen Plan B zu haben.

„…. and Bob’s your uncle“ ist schon etwas komplizierter. Wenn Du dies oder das machst, dann wird’s so gut klappen, als ob Du Beziehungen hättest (durch Deinen Onkel mit dem Allerweltsnamen Bob).

„Don’t count your chickens …“ geht weiter mit „… before they hatch“: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

 

„You can’t make an omelette without breaking eggs.” Irgend jemand findet immer etwas an Deinem Werk auszusetzen, oder Du hast jemandem auf die Füße getreten. Vielleicht hast Du auch Fehler gemacht, aber das passiert eben.

„The grass is always greener ….“: Andere scheinen immer mehr Glück zu haben, aber deren Rasen ist nicht unbedingt grüner als Dein eigener.

„Better the devil you know“: Ok, es ist ziemlich schlimm, aber vielleicht ist das, was Du noch nicht kennst, sogar schlimmer.

„Don’t run before you can walk“: Eile mit Weile, erstmal einarbeiten.

Klar, die Liste ist total lang und könnte ewig so weiter gehen. Vielleicht lasse ich es mal hierbei und mache mit einem anderen Lieblingsspruch Schluss: „Every cloud has a silver lining“: Nichts ist so schlecht, als dass es nicht irgendwofür gut ist. Das gefällt mir.

4. Das englische „Understatement“

Langsam, nach 22 Jahren, beginne ich zu verstehen, was englische Bemerkungen wirklich bedeuten. Als Deutsche bin ich es gewohnt, zu sagen, was ich denke – in England sagt man dazu: Calling a spade ‚a spade‘. Das ist aber alles andere als typisch hier.

Wenn jemand in England sagt: „You must come round for dinner“, glauben Sie nicht, dass Sie zum Essen eingeladen sind. Die beste Übersetzung ist wahrscheinlich: „Vielleicht sehen wir ja mehr voneinander.“

„How interesting!“ – Vorsicht! In Wirklichkeit heißt das: „Was für ein Blödsinn“.

„Not bad!“ ist eigentlich ein ziemlich großes Kompliment und bedeutet: „Wow. Echt gut!“

„With the greatest respect ….“: Alles andere als ein Zeichen des Respekts. Verstehen Sie es als „Wie bist Du denn drauf?“

„What a brave thing to do“: Sie sind nicht mutig, sondern völlig verrückt in den Augen Ihres Gegenübers.

„I’m sorry, that was entirely my fault“ = Wie konnten Sie nur! Sie sollten Sich bei mir entschuldigen.

„I will bear that in mind”: Was für ein nutzloser Vorschlag – am besten gleich vergessen.

„Maybe!“ heißt eher: Das schonmal gar nicht.

„Oh, by the way …“: Jetzt hören Sie mir aber mal zu!

Die Liste ist lang, die englische Mentalität wirklich anders. Muss man nur wissen!

Zwei Sprachen, zwei Seelen

Karl der Große soll gesagt haben, wer zwei Sprachen besitzt, der hat auch zwei Seelen. Wie Recht er hat! Es gibt Wörter, die ich durchaus in die andere Sprache übersetzen kann, dort aber nie benutzen würde. Aber es geht noch weiter: Wenn ich in England bin und Englisch spreche, dann denke ich englisch. Ich reagiere anders auf Leute; nach über 20 Jahren beginne ich sogar, den englischen Humor zu verstehen.

Immer, wenn ich mal wieder in Deutschland bin, muss ich mich zunächst umgewöhnen. Ich bin empört, wenn sich Leute nicht ordentlich anstellen bzw. nicht einmal fragen, ob ich in der Schlange stehe. Das tut man so in England, und das tue ich auch. Wenn mich jemand versehentlich anrempelt, dann entschuldige ich mich – vielleicht stand ich ja im Weg. Ich erwarte natürlich gleichzeitig auch eine Entschuldigung, und sobald wir beide Sorry gesagt haben, gehen wir mit einem Lächeln weiter.

Dafür kann ich in Deutschland sicher sein, dass mir die meisten Leute sagen, was sie wirklich denken; in England muss ich zwischen den Zeilen lesen. Wenn mir in Deutschland jemand ein Kompliment macht, freue ich mich und nehme es an. In England nicht. Da sage ich sofort entschuldigend: „Ach, die Schuhe habe ich im Sonderangebot bekommen“, oder: „Das Bild ist mir eigentlich versehentlich gelungen“.

Radfahren, Freibäder und Eisdielen, Berlin, die Wälder, hitzefrei – wenn ich von Deutschland erzähle, komme ich ins Schwärmen. Auf der anderen Seite schwärme ich den deutschen Freunden und meiner Familie von Pub-Lunches vor, von den South Downs, Brighton und natürlich dem Meer, von den rollenden Hügeln, den Baumtunneln, von Cream Teas und Pimms.

In Deutschland genieße ich, wie gut alles organisiert ist, wie zuverlässig, ordentlich, modern. In England liebe ich, wie urig und traditionell es ist. Allein schon der Blick aus dem Flugzeug spricht Bände: in Deutschland sind die Felder fast alle rechteckig, in England hat jedes Feld eine andere Form und mittendrin stehen einzelne, uralte Bäume.

Ich freue mich schon auf meinen nächsten Deutschlandbesuch. Dann denke ich wieder ganz „deutsch“. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich mich wieder nach England sehne, sobald ich länger als eine Woche dort bin.