Legenden gab es schon vor Wagner!

Wenn man „Nibelungenlied“ hört oder „Tristan und Isolde“, denken viele sofort an Wagner. Stimmt: Wagner, seit seiner Kindheit von Mythologie und Tragödien gefesselt, hat mit seinen gewaltigen Bühnenwerken viele Legenden thematisiert und wieder aufleben lassen. Aber er hat sie nicht erfunden, sondern musikalisch inszeniert. Beweis: Die Legenden stammen aus dem Mittelalter, Wagner nicht.

Also kann man die Legenden ganz unabhängig von Wagner betrachten? Sollte man eigentlich, doch irgendwie kommt man bei den alten Sagen nicht an Wagner-Opern vorbei, sei denn, man studiert Germanistik, Anglistik oder Altfranzösisch. Für alle anderen bedeuten die Legenden oft einfach nur „Bayreuth“, auch wenn sie völlig unabhängig davon entstanden sind.

Hier wird es jetzt spannend: Wagner ist schließlich für seine antisemitische Einstellung bekannt. Prompt schleicht sich eine unangenehme Assoziation ein, über die schon viele Gelehrte gestritten haben, denn das allein ist schon eine Frage wert: Kann man einen Komponisten von seiner politischen oder gesellschaftlichen Einstellung trennen?

Nehmen wir einmal an, Wagner hätte tatsächlich die Legenden erfunden: Mag ich Smetanas Moldau oder Schuberts Unvollendete nicht mehr, wenn ich nachlese, was sie in ihrer Syphilis-Verwirrung alles getan haben? Oder ist Robert Schumanns Alkoholismus ein Grund, seine Träumerei nicht mehr zu mögen? Sollten wir Wagners Musik hassen, weil sein Antisemitismus unverzeihlich war und weil er Hitler inspiriert hat? Thomas Mann war ein „Wagnerianer“, während er Wagners Persönlichkeit verabscheut hat …. Oje. Ein Wespennest.

Zum Glück hat Wagner die Legenden NICHT erfunden. Daher ist es völlig egal, ob ich ihn oder seine Musik mag oder nicht – ich mag die Legenden. Legenden, die im Mittelalter von Spielleuten erzählt wurden, die von Hof zu Hof weitergereist sind. Legenden, die tief eingebettet in unserer Kultur liegen, oft unter demselben Namen in Nachbarländern existieren, im Mittelmeerraum, im Orient. Legenden, die die Literaturwelt noch über Jahrhunderte, bis in die heutige Zeit, inspiriert und fasziniert haben, genau wie mich.

Vive la France, vive la normalité!

Im Moment scheint alles Unpolitische total irrelevant zu sein. Sich mit Geschichte oder gar Romanen zu beschäftigen, während so vieles passiert, was diskutiert und gelöst werden muss, kann glatt als Ignoranz betrachtet werden. Doch es spricht auch vieles dafür, sich weiterhin mit Geschichte, mit Romanen und mit „Irrelevantem“ zu beschäftigen.
Aus der Geschichte können wir bekanntlich viel lernen, daher ist es keinesfalls eine schlechte Idee, sich damit zu befassen. Schließlich haben wir im Westen ebenfalls Religionskriege geführt, in denen unzählige Unschuldige gelitten haben, und das nicht nur im eigenen Land. Natürlich gibt es riesige Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Geschichte zu studieren, heißt, aus Fehlern zu lernen und Gefahren eher zu erkennen und vor allem, andere besser zu verstehen. Allein das rechtfertigt, sich weiterhin mit Geschichte zu befassen.
Und Romane zu lesen, während unsere Welt vor unseren Augen ins Chaos zu versinken droht? Ja, natürlich! Ich persönlich brauche das. Nachdem ich die Nachrichten verfolgt und mich über aktuelle Ereignisse ausgetauscht habe, muss ich mich auf eine andere Ebene bringen. Was hilft da besser, als in eine andere Welt zu versinken, in eine Welt, wo Gut gegen Böse gewinnt, wo das Böse greifbar ist und bekämpft werden kann? „Escapism“ nennen das die Engländer (Wirklichkeitsflucht), und ich stehe dazu. Komplett andere Gedanken, die mich in den Schlaf wiegen, gut für mich!
Und was mir meine Romane sind, das sind anderen Leuten Youtube-Videos mit niedlichen Tieren, Fußballspiele, Rezepte für Schokoladenkekse. Gut so! Lassen wir uns nicht von dem abbringen, was wir normalerweise tun. Unsere Gesellschaft soll weiterhin so vielfältig und frei bleiben, wie sie ist. Wenn wir uns das nicht nehmen lassen, dann haben auch die nicht gewonnen, die uns diese Freiheit für ihre eigenen destruktiven Ziele absprechen wollen. Am Ende wird auch hier Gut gegen Böse siegen.

Schriftsteller als Beruf?

Davon träumen viele, und es gibt romantische Vorstellungen von Schriftstellern, wie sie am Fenster mit wunderschönem Ausblick sitzen, vor sich Papier und Tintenfass (bzw. Laptop), Tasse Tee auf der Seite, sinnend, schreibend. So hätte ich es auch gern. Zu meinen Füßen zwei zufriedene Hunde, die mich aus dem Haus treiben, so dass ich auch mal frische Luft schnappe und mich bewege, ansonsten sitze ich vertieft in mein Werk und hacke in die Tasten.

Realität? Wohl kaum. Die wenigsten AutorInnen können vom Schreiben leben, fast alle haben einen Beruf, um die Rechnungen zu bezahlen; das Schreiben ist Hobby, bis es vielleicht einen Durchbruch gibt, was natürlich zunächst einmal dahingestellt bleibt. Schon unseren großen Klassikern ging es so, nicht viele hatten das Glück, vom Schreiben leben zu können. Die Frauen mussten in erster Linie ihre Männer und den Haushalt versorgen, und die Männer hatten diverse Berufe: Goethe arbeitete als Geheimrat, Theodor Fontane als Apotheker, E.T.A. Hoffmann als Regierungsrat, Musiklehrer, Kammergerichtsrat. Kafka war Versicherungsangestellter, Schiller Militärarzt, Eichendorff beim Militär und in preußischen Regierungsämtern.

In die Gegenwart traue ich mich kaum hinein; es gibt so viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen, dass ich bestimmt ganz wichtige auslasse. Wenn ich das richtig sehe, haben es nur einige Auserwählte geschafft, mit dem Schreiben ihren Unterhalt zu bestreiten.

Auch die Bridget-Jones-Situation der großen Launch-Party gibt es nicht mehr. Stattdessen fängt die Arbeit des hoffnungsvollen Schreiberlings jetzt erst an: Verlage und Agenturen kontaktieren, Lesereisen veranstalten, in Buchläden sitzen und ums eigene Produkt werben, Website erstellen, Fanpage einrichten, alles up-to-date halten, das Finanzamt beruhigen.

Mittlerweile steht meine Heldin mit ringenden Händen am Burgtor, tage- und wochenlang, weil ich nicht weiß, wie ihr Kleid aussieht und ob die Rüstung ihres Ritters in der Sonne glänzt, denn ich muss erst herausfinden, was beide getragen haben. Gründliche Recherchen sind ein Muss, da ansonsten sofort jemand Dilettantismus wittern könnte. Derweil machen sich Haus, Garten, Familie und Freunde bemerkbar und der Beruf schreit am lautesten.

Und dennoch entwickelt sich die Geschichte voran. Plötzlich ist, allen Widersachern zum Trotz, ein neues Buch entstanden, bei mir wie bei vielen, vielen anderen. Vielleicht ein Erfolg, vielleicht auch nicht, aber allein schon deshalb mit Stolz betrachtet, weil es sämtlichen Herausforderungen getrotzt hat.

Politisch korrekt?

Gar nicht so einfach, sich als AutorIn politisch korrekt auszudrücken, unabhängig vom Genre. Mein erster Blogbeitrag wendet sich an die LeserInnen, womit ich sicherstellen will, dass sich sowohl Männer als auch Frauen angesprochen fühlen. Was aber, wenn ich „man“ benutzen will? Macht man das noch, oder verrate ich damit meine feministische Einstellung? Muss ich jedes Mal man/frau schreiben?

Besonders Märchen und Legenden sind von chronischem Chauvinismus durchzogen: das hilflose Mädchen, der rettende Ritter oder Prinz, körperlich Benachteiligte als Bösewichter. Disney-Filme haben das in letzter Zeit bereits umgedreht: In „Tangled“ ist Rapunzel proaktiv, in „Frozen“ ist es nicht der Kuss des Prinzen, der alles wieder gut macht, sondern die Handlung des Mädchens selbst. Aber wie weit darf die Nacherzählung einer Legende, die als solche in unser Kulturgut eingebettet sein soll, vom Original abweichen? Eine Frau im Mittelalter hatte sicher andere Rechte und Interessen als eine Frau unserer Gesellschaft, aber heutige LeserInnen müssen sich auch mit Charakteren identifizieren können. Eine Gratwanderung!

In der Gudrun-Sage begegnet uns ein Ritter aus Mohrland. Das Wort „Mohr“ wird aber nicht mehr benutzt, denn es lädt zu stereotypischen Assoziationen ein. Wie schreibe ich das also um? Ich habe entschieden, Siegfried tatsächlich aus Mohrland kommen zu lassen, diesen Namen jedoch nur einmal verwendet und stattdessen Alzabee als Herkunftsland genommen, da es ebenfalls in der Originalfassung auftaucht. Gudrun mochte Siegfried, der nicht weiß-europäischer Herkunft war. Wie beschreibe ich ihn dann, als „schwarz“? Ich habe mich für dunkelhäutig entschieden.

In der nächsten Geschichte, die ich neu erzähle, gibt es einen Zwerg. Wie in so vielen Märchen und Legenden ist er zweifelhaften Charakters. Wie gehe ich damit um? Unmöglich, die Idee zu unterstützen, dass man jemandem nicht vertrauen kann, der eine unübliche Körpergröße besitzt. Die ursprüngliche Legende besteht aber darauf. In diesem Fall habe ich mich dazu entschlossen, von „einem extrem kleinwüchsigen Mann, der beim Volk nur als „der Zwerg“ bekannt war“ zu schreiben. Danach wird er nur noch beim Namen genannt.

Nehme ich damit meinen Neuerzählungen die Authentizität? Ich hoffe nicht, denn ich tue es einfach. Ich benutze auch „man“ und sicherlich noch mehr Ausdrücke, die auf gehobene Augenbrauen stoßen mögen. Wenn ich aber zuviel darüber nachdenke, was ich nun schreiben darf und was nicht, dann unterbreche ich meinen Schreibfluss und rede auch nicht mehr so, wie ich wirklich denke. Von gravierenden Schnitzern einmal abgesehen, hoffe ich, dass mir meine LeserInnen das verzeihen können.

Proud to be ….

Ausnahmsweise mal etwas Politisches: Nationalstolz ist etwas, was ich nicht nachvollziehen kann. Stolz sein darf man, wenn man etwas geleistet hat. Wer das Glück hat, in einem Land geboren zu sein, das wohlhabend und sozial ist, relative Sicherheit bietet und die Menschenrechte beachtet, der sollte sich freuen und hat keinen Grund, deshalb „stolz“ zu sein, finde ich. Viele Engländer sehen das anders, was u.a. mit dem zweiten Weltkrieg zu tun hat und mit (m.E. fragwürdigem) historischem Imperialismus.

Im Ausland Deutsch zu sein, ist so eine Sache. Ein Mitglied des Kreisauer Kreises hat damals gesagt, dass Deutschland noch nach 50 Jahren nicht den Kopf heben kann, wenn es nicht gelingt, die Diktatur von innen zu beenden, vielleicht sogar nie wieder. Leider, leider stimmt das: sie haben es nicht geschafft, die Diktatur von innen zu beenden, wieviele es auch heroisch versucht haben. Die Folgen? Dass ich 70 Jahre nach Kriegsende noch immer zögere, wenn mich jemand nach meiner Nationalität fragt, denn die Antwort ist „Deutsch“. Besonders in England kommt dann sofort die Assoziation mit unserer „jüngsten Vergangenheit“ hoch, ja, tatsächlich, immer noch. Auch wenn die meisten von der guten deutschen Wertarbeit überzeugt sind (Autos, Geräte, etc.), kann niemand vergessen, was unter den Nazis passiert ist, und das sollte man natürlich auch nicht vergessen. Das heißt aber: im Pub lieber nicht zu laut Deutsch sprechen – ich weiß ja nicht, welche persönlichen Tragödien sich in der Familiengeschichte meines Gegenübers verbergen.

Doch plötzlich, nach 22 Jahren, die ich in England lebe, regt sich etwas anderes. Man hört und liest Berichte und sieht Bilder im Fernsehen, in denen erschöpfte Flüchtlinge aus Syrien in Deutschland willkommen geheißen werden. Während in England noch immer gegen die Angst, von einer Immigrationswelle überrollt zu werden, gekämpft werden muss, stehen die Deutschen Schlange, um diesen verzweifelten unschuldigen Menschen zu helfen. Auf einmal setzen Deutsche ein internationales Beispiel der Menschlichkeit, der Hilfsbereitschaft, der humanitären Kameradschaft.

Danke! Danke allen, die Kleidung, Essen, Wohnraum und persönliche Zuwendung geben. Nicht nur im Namen der Flüchtlinge selbst, sondern auch im Namen der Expats, die irgendwo im Ausland (zum ersten Mal?) auf die Frage, woher sie kommen, ohne lange zu zögern antworten können: aus Deutschland.

5. Sprichwörtlich

Sprichwörter zu übersetzen ist eine echte Herausforderung. Einige gibt es in mehreren Sprachen, doch die meisten sind ganz individuell. In Deutschland weiß jede/r, was es heißt, wenn ich sage „Das liegt auf der Hand“. Unmöglich, „That lies on the hand“ zu sagen. „That’s where the dog lies buried“ funktioniert auch nicht; das geht auch nur auf Deutsch.

Die Engländer haben ein paar herrliche Sprichwörter und benutzen wesentlich mehr als wir. Wahrscheinlich sind ein paar schon in den deutschen Sprachgebrauch eingewandert, wie „You snooze – you lose“, wenn Du nichts verpassen willst, dann bleib wach und dabei.

Mein Lieblingsspruch ist „Let’s cross the bridge when we come to it” – Mach Dir keine Sorgen, bevor die Situation überhaupt da ist. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm.

Was ich auch mag, ist „No use crying over spilt milk“ – was passiert ist, ist passiert. Oder mit den Worten von Johann Strauss: „Glücklich ist, wer vergisst …“

Interessant wird es, wenn es nicht mehr so offensichtlich ist: „Don’t put all your eggs in one basket“ – Immer besser, einen Plan B zu haben.

„…. and Bob’s your uncle“ ist schon etwas komplizierter. Wenn Du dies oder das machst, dann wird’s so gut klappen, als ob Du Beziehungen hättest (durch Deinen Onkel mit dem Allerweltsnamen Bob).

„Don’t count your chickens …“ geht weiter mit „… before they hatch“: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

 

„You can’t make an omelette without breaking eggs.” Irgend jemand findet immer etwas an Deinem Werk auszusetzen, oder Du hast jemandem auf die Füße getreten. Vielleicht hast Du auch Fehler gemacht, aber das passiert eben.

„The grass is always greener ….“: Andere scheinen immer mehr Glück zu haben, aber deren Rasen ist nicht unbedingt grüner als Dein eigener.

„Better the devil you know“: Ok, es ist ziemlich schlimm, aber vielleicht ist das, was Du noch nicht kennst, sogar schlimmer.

„Don’t run before you can walk“: Eile mit Weile, erstmal einarbeiten.

Klar, die Liste ist total lang und könnte ewig so weiter gehen. Vielleicht lasse ich es mal hierbei und mache mit einem anderen Lieblingsspruch Schluss: „Every cloud has a silver lining“: Nichts ist so schlecht, als dass es nicht irgendwofür gut ist. Das gefällt mir.

4. Das englische „Understatement“

Langsam, nach 22 Jahren, beginne ich zu verstehen, was englische Bemerkungen wirklich bedeuten. Als Deutsche bin ich es gewohnt, zu sagen, was ich denke – in England sagt man dazu: Calling a spade ‚a spade‘. Das ist aber alles andere als typisch hier.

Wenn jemand in England sagt: „You must come round for dinner“, glauben Sie nicht, dass Sie zum Essen eingeladen sind. Die beste Übersetzung ist wahrscheinlich: „Vielleicht sehen wir ja mehr voneinander.“

„How interesting!“ – Vorsicht! In Wirklichkeit heißt das: „Was für ein Blödsinn“.

„Not bad!“ ist eigentlich ein ziemlich großes Kompliment und bedeutet: „Wow. Echt gut!“

„With the greatest respect ….“: Alles andere als ein Zeichen des Respekts. Verstehen Sie es als „Wie bist Du denn drauf?“

„What a brave thing to do“: Sie sind nicht mutig, sondern völlig verrückt in den Augen Ihres Gegenübers.

„I’m sorry, that was entirely my fault“ = Wie konnten Sie nur! Sie sollten Sich bei mir entschuldigen.

„I will bear that in mind”: Was für ein nutzloser Vorschlag – am besten gleich vergessen.

„Maybe!“ heißt eher: Das schonmal gar nicht.

„Oh, by the way …“: Jetzt hören Sie mir aber mal zu!

Die Liste ist lang, die englische Mentalität wirklich anders. Muss man nur wissen!

Zwei Sprachen, zwei Seelen

Karl der Große soll gesagt haben, wer zwei Sprachen besitzt, der hat auch zwei Seelen. Wie Recht er hat! Es gibt Wörter, die ich durchaus in die andere Sprache übersetzen kann, dort aber nie benutzen würde. Aber es geht noch weiter: Wenn ich in England bin und Englisch spreche, dann denke ich englisch. Ich reagiere anders auf Leute; nach über 20 Jahren beginne ich sogar, den englischen Humor zu verstehen.

Immer, wenn ich mal wieder in Deutschland bin, muss ich mich zunächst umgewöhnen. Ich bin empört, wenn sich Leute nicht ordentlich anstellen bzw. nicht einmal fragen, ob ich in der Schlange stehe. Das tut man so in England, und das tue ich auch. Wenn mich jemand versehentlich anrempelt, dann entschuldige ich mich – vielleicht stand ich ja im Weg. Ich erwarte natürlich gleichzeitig auch eine Entschuldigung, und sobald wir beide Sorry gesagt haben, gehen wir mit einem Lächeln weiter.

Dafür kann ich in Deutschland sicher sein, dass mir die meisten Leute sagen, was sie wirklich denken; in England muss ich zwischen den Zeilen lesen. Wenn mir in Deutschland jemand ein Kompliment macht, freue ich mich und nehme es an. In England nicht. Da sage ich sofort entschuldigend: „Ach, die Schuhe habe ich im Sonderangebot bekommen“, oder: „Das Bild ist mir eigentlich versehentlich gelungen“.

Radfahren, Freibäder und Eisdielen, Berlin, die Wälder, hitzefrei – wenn ich von Deutschland erzähle, komme ich ins Schwärmen. Auf der anderen Seite schwärme ich den deutschen Freunden und meiner Familie von Pub-Lunches vor, von den South Downs, Brighton und natürlich dem Meer, von den rollenden Hügeln, den Baumtunneln, von Cream Teas und Pimms.

In Deutschland genieße ich, wie gut alles organisiert ist, wie zuverlässig, ordentlich, modern. In England liebe ich, wie urig und traditionell es ist. Allein schon der Blick aus dem Flugzeug spricht Bände: in Deutschland sind die Felder fast alle rechteckig, in England hat jedes Feld eine andere Form und mittendrin stehen einzelne, uralte Bäume.

Ich freue mich schon auf meinen nächsten Deutschlandbesuch. Dann denke ich wieder ganz „deutsch“. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich mich wieder nach England sehne, sobald ich länger als eine Woche dort bin.

Soziale Medien – eine Generationsfrage?

Sie werden es nicht glauben: Die Heldin meines nächsten Buches erwartet gerade ein Gottesurteil (Sie wissen schon, so ähnlich wie bei einem dieser schrecklichen Hexenprozesse), und was mache ich? Lasse sie hängen, weil ich mit Facebook angefangen habe. Natürlich werde ich mich bald wieder um sie kümmern, aber zuerst muss ich mich mit „sozialen Medien“ befassen.

Bisher hatte ich mich standhaft geweigert, auf Facebook zu gehen. Vielleicht schütteln Sie den Kopf, vielleicht verstehen Sie das aber auch. Schließlich habe ich ja noch etwas zu tun, als Lehrerin muss ich Stunden vorbereiten, Hefte und Aufsätze korrigieren, Prüfungen benoten. Die Arbeit fängt erst an, wenn ich nach Hause komme. Und wenn ich dann endlich einen Moment für mich habe und erfolgreich den Zustand des Hauses ignoriere, komme ich auch zum Schreiben. Dann auch noch eine Facebook-Seite „pflegen“? Und eine Website??

Durch meine standhafte Weigerung, mich der Welle der sozialen Medien anzuschließen, weiß ich überhaupt nicht, wie das alles funktioniert. Ha, sagen Sie, da brauchen Sie doch nur Ihre Kinder zu fragen! Was aber, wenn die Kinder in irgendwelchen Universitäten herumspringen, anstatt zuhause Mamas zaghafte Fragen zu beantworten?

Ich schätze mich glücklich, eine Vierzehnjährige zu kennen. Gestern Abend kam sie vorbei, um mir in meiner Not zu helfen. Jetzt weiß ich schon mal, wo ich klicken muss, um etwas zu machen. Respekt vor den Jugendlichen! Wieso kennen sie sich eigentlich so ausgezeichnet mit diesen Dingen aus? Wieso haben sie keine Angst, einfach auf den ein oder anderen Knopf zu drücken, während ich voller Panik befürchte, etwas falsch zu machen?

Sie sind schlichtweg damit aufgewachsen, Medien zu benutzen, und bleiben ständig auf dem neuesten Stand der Technik. Ein fremdes Konzept für mich, wie wohl für viele meiner Generation. Wie schwer ich mich tue, wenn in der Schule schon wieder ein neues System eingeführt wird! Das Anwesenheitsregister ist jetzt elektronisch und dort muss ich auch eintragen, wenn ein/e Schüler/in besonders gute Arbeit leistet, die Hausaufgaben vergisst oder sich nicht benimmt. Wir haben in jedem Klassenzimmer einen „Beamer“, der unsere eigenen Powerpoint-Präsentationen und ganze Stundenpläne zeigt, mit Links zu Tonspuren, für die Höraufgaben in Fremdsprachen. Glauben Sie nicht, dass das immer problemlos verläuft. Die SchülerInnen lachen sich schlapp, wenn ich mit der Technik nicht klarkomme. In der Regel erklären sie mir dann freundlich (oder überheblich), wo ich klicken muss, um mein Problem zu lösen. Naja, erklären könnte man es nennen, meistens schreien sie: „But Miss! You only have to …..“ Woraufhin ich einen resignierten Blick über meine Schulter werfe und mich der Tatsache ergebe, dass sie es einfach besser wissen.

Was Facebook anbelangt, ist mir klar geworden, dass es für die ältere Generation noch viel wertvoller als für Jugendliche ist. Wenn Sie relativ hausgebunden sind, weil Sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so viel unternehmen, oder wenn Sie ein/e Pfleger/in sind, haben Sie ein Fenster zu der Welt um sich herum. Sie sehen, was Familienmitglieder und Freunde gerade machen, was sie beschäftigt, was sie denken, sogar wenn sie in einem anderen Land wohnen. Wie schön wäre es, wenn Jugendliche mehr älteren Menschen dabei helfen könnten, durch soziale Medien Kontakt zu halten! Ein wunderbares Projekt für Schulen, denken Sie nicht auch?

Hallo LeserInnen,

Freitag war der letzte Tag für die 13. Klasse in der Schule, in der ich arbeite. Große letzte Vollversammlung, lustige Bilder, bewegende Worte. Ein Abschiedswort bleibt mir im Kopf: „Ich kenne eine Menge Leute, die mit ihrem Beruf unzufrieden sind. Was Ihr auch tut, folgt Euren Träumen, tut das, was Ihr wirklich tun wollt.“ Bei mir war das zuerst Gärtnern. Dann kam Unterrichten dazu. Und dann Schreiben.

Auch, wenn ich (noch?!) nicht damit die Rechnungen bezahlen kann, ist es etwas, das mich motiviert und spannender ist, als abends einfach nur den Fernseher anzuschalten. Meine HeldInnen warten so richtig auf mich, wollen mir zeigen, was als nächstes passiert. Mitten in einem Hundespaziergang springt mir plötzlich einer meiner Charaktere entgegen, sagt mir, was ich sofort aufschreiben muss, damit ich es nicht vergesse. Wenn es gerade überhaupt nicht geht, dass ich weiter mache, wird schnell ein Zettel vollgeschrieben und der wartet geduldig, bis ich soweit bin. Mit weniger als zwei Stunden Zeit versuche ich es gar nicht erst. Zuerst muss ich mich wieder in die letzten Seiten reinlesen, das Weitere kommt wie von alleine, und auf einmal ist es Mitternacht.

Mein erstes Buch ist auf Englisch und handelt von einer Freundin, die ich in England getroffen habe. Irgendwann kannten wir uns gut genug, um die Frage zu stellen, die mir auf der Seele brannte: Hast Du den zweiten Weltkrieg in Deutschland verbracht? Warst Du ein Nazi? Damit habe ich Pandoras Büchse geöffnet. Das müssen wir aufschreiben, habe ich nur gesagt, und das habe ich dann auch getan. Es hat lange gebraucht, bis ich die Erinnerungsfetzen sortiert und recherchiert hatte, aber am Ende wurde es tatsächlich ein Buch: „A Different Kind of Courage“. Der Verlag meinte dann, dass der Titel nicht genug über den Inhalt erzählt und so haben wir die zweite Auflage „Mrs Mahoney’s Secret War“ genannt, was der Sache schon näher kommt.

Wenn ein Buch fertig ist, fällt ein/e AutorIn ein bisschen in ein Loch. Worüber wollte ich als nächstes schreiben? Die Idee, eine alte Legende neu zu erzählen, hat mich fasziniert, und dann habe ich es einfach versucht. Ganz schnell haben die Charaktere für mich Gestalt angenommen, hatten ihre eigenen Gedanken, Gefühle und Worte. Und jetzt ist es ebenfalls ein Buch, die Gudrun-Sage, neu erzählt. Hoffentlich finden meine LeserInnen sie genauso spannend wie ich!